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 100 Tage Einzelhaft 

Im digitalen Vernetzungszeitalter können hundert Tage eine halbe Ewigkeit bedeuten. Besonders, wenn eben diese Zeit genutzt wird, sich Katzenspam und Prank-Videos zu entziehen. Dies war mein Plan. Und Selbiger ist nun erfüllt.
Ehrlich gesagt wirkt es schon lächerlich, aus hundert Tagen ohne Facebook so ein großes Ding zu macht und sogar darüber berichten zu müssen. Aber einschneidend war dieses Erlebnis ohne Zweifel. Stellt sich die Frage, was es mir brachte. Lange Spaziergänge im Märchenwald? Produktivität eines Montageroboters? Volle Pulle Leben?! Nicht ganz.

Man beginnt das Trauerspiel und denkt sich, es würde schon nicht so schwer sein. Wenig später treten die ersten Entzugserscheinungen auf. Was tun, wenn man mal fünf Minuten verbraten möchte? Woher nimmt man die Portion Zwischendurchschwachsinn? Einige Tage später hat man sich bereits bestens arrangiert. Statt “You Won’t Believe What Happened Next”-Scheiße liest man tatsächlich fundierte Artikel über Dinge von Bedeutung. Plötzlich steht Bildung wieder hoch im Kurs. Ich kann alles wissen und will noch mehr lernen. Ich bin ein schwebendes Gehirn! Jedoch nicht für all zu lange. Das Bildungshochgefühl verebbt einige Wochen später. Ich kann ja auch mal einen Film schauen. Oder gleich zwei. Oder eine ganze Serie! Zeitfresser lauern in jeder Gasse. Facebook Freunde hingegen sucht man dort leider vergebens.

Ich hatte mir vorgenommen, andere Kommunikationskanäle zu nutzen. Anruf, EMail, Überraschungsbesuch. Nichts davon setzte ich wirklich in die Tat um. Viele von Euch habe ich hundert und vier Tage nicht gesprochen, gesehen, gehört oder gelesen. Ohne Facebook leben bedeutet (zumindest in meinem Fall) erschreckend zuverlässig soziale Isolation. Keine Ahnung, was Ihr so erlebt habt, oder wie es Euch geht. Das ärgert mich am meisten. In dieser Zeit verpasste ich diverse Party-Einladungen und ging fast daran zugrunde, meine Schlüsselerlebnisse nicht mit der breiten Masse zu teilen. Was nicht geteilt wird, ist nicht passiert. Schon verschroben, oder? Als müsse man sich des eigenen Lebens über externe Reaktionen vergewissern. Hier habe ich etwas über und für mich selbst gelernt – den Umgang mit ungesundem Geltungsdrang.

Was die künstlerische und allgemeine Produktivität angeht, sieht die Sache etwas ernüchternder aus. Ich war ein faules Kind! Kaum gezichnet, nix geschrieben, nix geleistet. Die Schuld schiebe ich weder Facebook noch mir in die Schuhe. Es ist einfach grundsätzlich zu viel Zeug passiert, mit dem es fertig zu werden galt. Und was genau bitte soll wichtiger sein als Kunst und Gesellschaftserleuchtung??? Der Hippie in mir antwortet: Das Leben in seiner mannigfaltigen Schönheit! (Stimme aus dem Off: “Hä? Wat is jetze mit faltige Männers?!”)

Ich fasse das Wichtigste zusammen. Eine hormongebeutelte Fellschnute pubertiert sich durch den Weg zur ausgewachsenen Hündin. Ein vom läufigen Hund gestresster Thomas lässt sich auf unfreundliche Kollision mit feindlichem PKW ein und verliert – Schlüsselbeinbruch und Krankenhaus inklusive. In dieser Situation wäre das Experiment fast gescheitert. Ich hatte noch knappe dreißig Tage vor mir, lag aber bereits mehrere Tage massiv gelangweilt auf der Unfallstation. Facebook hätte sicher geholfen. Trotzdem bin ich froh, durchgehalten zu haben. Selbst wenn es nicht mit Erleuchtung entlohnt wurde.

Dafür schaute ich oft auf den Countdown Timer. Noch 70 Tage. Noch 52 Tage. Noch 28. Nur noch 4 Tage. 17 Stunden. Fertig. Es war Sonntag und ich durfte wieder meine Informationen mit der Datenkrake teilen. Pünktlich zur weltweiten Empörung über skandalöse neue Nutzungsbedingungen. Tat ich es? Zunächst nicht. ich fühlte mich schuldig. Als würde mir nach langem Entzug die geliebte Droge auf einem goldenen Tablett serviert werden. Vier Tage später kann ich mit der Schuld leben. Zurück sind Katzen-auf-Pizza-Gifs. Zurück die Behauptung, ich würde nicht glauben, was dann geschah. Aber auch die netten Konversationen und winzigen Bescheuertheiten, die das Social Media Leben so lebenswert machen.

Mein Fazit hätte ich sicher schon vor den hundert Tagen ohne Facebook geben können:
Was wir brauchen ist ein bisschen weniger Belanglosigkeiten und ein bisschen mehr Kommunikation.