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 Einsteigen, aussteigen, überleben 

Ich schrecke hoch und weiß sofort, dass ich verschlafen habe. Ein hastiger Blick auf den Wecker: 6:40 Uhr. Sofern er heute keinen Urlaub genommen hat, sollte er bereits um 6:00 Uhr klingeln, um 6:15 Uhr ein zweites Mal. Durch das Bewusstsein meiner Verspätung ist wenigstens der Kreislauf schon wach. Schön für ihn, doch von mir lässt sich das nicht behaupten.

6:41 Uhr – Okay, mir bleiben noch 19 Minuten. Duschen, das schmierige Haar reinigen, Maul ausfegen, seidiges Haar föhnen, Kleidung überstülpen und irgendwo dazwischen sollte noch etwas Kaffeepulver in einer Kanne landen. Ich brauche meinen Kaffee für unterwegs. Hier dürfen keine Abstriche gemacht werden.
Gegen 6:57 Uhr habe ich den finalen Schnürsenkel geknotet. Ich liege wieder voll in der Zeit und nehme mir daher das Recht, reichlich zu bummeln. Gemütlich schlendere ich gen S-Bahn. Auf dem Gleis angekommen bietet sich das übliche Spektakel. Eine beachtliche Herde Menschen wartet unruhig auf ihren Viehtransport.
“S-Irgendwas Richtung Olympiastadion: 3 Minuten” steht auf der von jedem bestarrten Infotafel. Eigentlich recht beruhigend: Die Bahn erscheint bald. Kein Grund zur Sorge! Oberflächlich könnte man der harrenden Gesellschaft ihre Sorglosigkeit glatt abnehmen. Doch kaum brechen aus diesigem Nebel die Lichtkegel zweier Frontscheinwerfer hervor, kippt die Stimmung wie nach einem verflucht schlechten Fußballspiel.

“Ein sich heranpirschender Leopard versetzt die Herde in Aufruhr.”
Plötzlich werden Standbeine gewechselt, Jacken knistern, Rucksäcke rauschen. Jeder versucht möglichst unbemerkt, seine Poleposition für den Einstieg zu ergattern. Ein junger Herr in dunkelgrün wagt sich gefährlich nahe ans Gleisbett. Eine rot behoste Frau überbietet ihn tollkühn. Er schaut böse. Sie versucht nun, das triumphale Grinsen unter einer Maske schlechter Laune zu knebeln.

Ähnlich geht es Dutzenden. Sie alle stehen nun so weit vorn, dass die Bahn gleich hauchdünne Scheiben von ihren Nasen abtrennen wird. Etwas weiter hinten warte ich auf die unvermeidliche Gruppenamputation. Morgen steht doppelseitig in der BILD: “Bahn köpft Nasen – Tickets für einen Monat 10 Cent billiger!” Zum Glück irre ich mich. Der Transport kommt zum Stillstand. Die Gefahr scheint gebannt. Doch hinter beschlagenen Luken lauert das nächste Grauen: die Anderen!

Der Stamm der Aussteigenden pflegt seit Anbeginn der Menschheit eine innige Feindschaft mit dem Stamm der Einsteigenden. Ihre Ablehnung zueinander begründet sich in einem einfachen doch tiefgehenden Konflikt: Sie wollen raus. Wir wollen rein. Wir hätten sie längst besiegen können, doch uns fehlt die Einheit.

Wir Einsteiger hassen die Aussteiger von ganzem Herzen!

Bürgerkrieg bricht los. Die Aussteigenden schieben sich so angestrengt aus der Bahn, wie die Wurst aus dem Enddarm. Jeder will raus und alle haben offensichtlich panische Angst davor, den Absprung nicht zu schaffen. Wir hier draußen fürchten uns nur vor dem Zurückbleiben. Nervös tanzen wir an den Rand des Einganges. Wie lange dauert es noch, bis diese dämlichen Anderen sich aus unserem Zug verpissen!? Wir wollen rein! Wir warten nicht länger, bis der letzte Idiot unser Gebiet verlässt. Jetzt brüllt jemand “Freeeeeedooooooom!”, und alle stürmen los. Frauen weinen, Kinder schreien, Maschinengewehrsalven zerschneiden die Luft. So sieht Terror aus!

Nur Sekunden vergehen und die Hölle liegt hinter uns. Der Schaffner nuschelt gelangweilt: “S-Irgendwas Richtung Olympiastadion..zuuurückbleim bidde!” Zurückbleiben!? Da ist es wieder, dieses schreckenerregende Wort. Niemand will zurückbleiben. Ich für meinen Teil habe es geschafft…diesmal. Für eine Parade bleibt jedoch keine Zeit. Wir müssen uns schließlich auf die Neuordnung vorbereiten. Kaum sind alle Verletzungen verarztet, wartet schon der Ausstieg.

Ich muss hier raus! Ich darf nicht verharren! Ich bin ein Aussteiger.

Die rote Hose und ihre Frau fließen an mir vorbei. Wieder ganz nach vorn, bis die Nasenspitze von der Tür gestoppt wird. Ob ich sie besiegen kann? Ob sie mich aussteigen lässt? Die Bahn hält an der Jannowitzbrücke. Jemand wischt die Kondensschicht von der Scheibe und wir sehen, was uns erwartet. Da stehen die Hyänen schon. Wollen rein, in unseren Zug. Warten kaum, bis wir draußen sind, diese Arschlöcher.

Wir hassen die Einsteiger von ganzem Herzen!

Viele von uns werden es nicht schaffen. Die Schwächeren bleiben zurück. So will es das Gesetz der Natur. Alle anderen schauen voraus auf die nächste Schlacht. U8 Richtung Wittenau.

 Kleines Donnerstagswunder 


Thomas fühlt sich verklebt. Für einen Donnerstag im Büro ist ihm die Sonne entschieden zu weit auf den Pelz gerückt. Trotz geöffnetem Fenster neigt sich sein Sauerstoffvorrat dem Ende. Er versucht, nicht in Panik zu geraten. “So schlimm ist das gar nicht mit der fehlenden Atemluft. Und überhaupt ist Lungenfunktion total überbewertet!” Der schnaufende Thomas sollte sich beruhigen. Er beschließt, sich an einen Strand zu träumen. “Das hilft bestimmt.”, denkt er und schließt die verkrusteten Äuglein.

Nach Sekunden der Ladezeit befindet er sich bereits mitten in seiner Urlaubs-Fantasie. Alles stimmt. Das Meer, die Temperatur, milder Wind, gepflegte Nudistinnen beim Planschen, hawaiianische Gitarren und er mitten drin. Im Wasser treibend greift er nach seiner schwimmenden Kühlbox. Er greift ins Leere. Thomas kneift die Augen fester zusammen. Ein zweiter Griff. Wieder nix. “Kacke, hier fehlt was!”, stellt er fest. Ihm fehlt eine köstliche Flasche seines koffeinhaltigen Erfrischungsgetränks auf Mate-Basis. Ohne sie bekommt er den Strand nicht in seinen Kopf. Ohne sie wollen die Nudistinnen einfach nicht nackt sein.

Da bedarf es keiner weiteren Überlegung. Zurück in der angezogenen Realität schwingt er seinen trägen Arsch zum nächsten Supermarkt. Dort nimmt er ohne Umwege die direkte Route zum Getränkereich. Er will sich beeilen, denn das Getränk muss schnell im Kühlschrank auf Traumzustand gekühlt werden. “Rein, kaufen, raus. Rein, kaufen, raus.”, wiederholt er innerlich brummend. “Rein, kaufen, raus.” Buddhistischer Singsang. “Rein, kaufen, hää?!”

Vor ihm klafft ein unbefülltes Regal. Vom Getränk der Begierde keine Spur. Hektisch schaut er sich um. Er bemerkt sofort die vielen Getränkekisten, welche sich ungeordnet in der Gegend auftürmen. Mit detektivischer Kombinationsgabe ist ihm sofort klar, dass heute eine neue Getränke-
lieferung eingetroffen sein muss. Es besteht noch Hoffnung! Er muss nur ins Lager einbrechen, den Wachmann kalt stellen, Alarm und Kamera deaktivieren, den Totenkopfschlüssel ergattern, über die Schlucht des sichelförmigen Mondes und rein ins Flaschenparadies.

“Albern!”, denkt er und fragt lieber die freundliche Angestellte. Sie entgegnet, er solle mal im Lager fragen, geht dann aber doch selbst. Thomas folgt artig wie ein Schatten. Sie verschwindet im Sperrbereich. Thomas wartet brav. Sekunden später erscheint sie mit hängenden Mundwinkeln. “Kommt leider erst morgen!”, zerschmettert es Thomas’ Sommermärchen. Er geht zu Boden. Nicht sichtbar, sondern in seinem Kopf. Was sollen nur die Nudistinnen ohne ihn tun? Ernüchtert möchte er seine letzte Reise in den staubigen Tod antreten, als die freundliche Angestellte aus der Ferne ruft: “Warten se mal, junger Mann!”

Thomas wartet und die gute Frau erscheint mit einer Flasche in der Hand. “Ich hab hier noch eine jefunden. Die hatte sich wohl versteckt!” Thomas entdeckt den heiligen Gral. Er glitzert im künstlichen Tageslicht der Supermarkt-Beleuchtung, formschön, mit vertrautem Etikett. Unzählige Wasserperlen erzählen von der bevorstehenden Erfrischung. Das Getränk ist bereits auf Optimum temperiert. Wie ein gieriges Äffchen greift der Abenteurer nach seiner Flasche, und die freundliche Angestellte schmunzelt. Schnell zur Kasse und dann rein in die perfekte Fantasie! Thomas muss sich sputen, denn die Nudistinnen haben noch Termine. Bei diesem Wetter wollen sie in vielen Köpfen auftauchen.

 Berlin, Du Arsch! 

Berlin = doof

Hallo Berlin,

es wird Zeit, dass wir uns mal unterhalten. Kannst Du dich noch erinnern, wie grün wir uns im vergangenen Sommer waren? Ich weiß nicht, woran es liegt, doch irgendwie kühlte sich unser Verhältnis zum Herbst hin mächtig ab. Im Winter dann totale Funkstille. Ich hasste Dich, konnte Dich kaum noch ertragen. ‘Zur Hölle mit Dir’, dachte ich und meinte es ernst. Ich war Deiner überdrüssig.
In den letzten Tagen geschah dann plötzlich etwas, das ich trotz alljährlicher Regelmäßigkeit kaum für möglich hielt. Deine Straßen wirkten zunehmend freundlicher, Deine Bewohner zufrieden. Ich war wirklich verflucht froh, als Du so unerwartet den Schritt auf mich zu gingst. Nach Monaten der Funkstille hattest Du dich richtig herausgeputzt. Alle Ablehnung meinerseits verblasste plötzlich zur kindischen Nichtigkeit. Irgendwie mochte ich Dich wieder. Doch was war mit Dir fiesem Arschloch?! Du hast mir den Frühling ums Maul geschmiert, um den nächsten Schlag gegen mich zu planen! Wie konnte ich Dir nur so auf den Leim gehen?!
Ich machte mir extra die Mühe, mein Fahrrad wieder straßentauglich zu kriegen. Hast Du ‘ne Ahnung, was das für eine Sauerei gewesen ist?!
Dann lässt Du mich exakt einen Tag mit neuem Schlauch fahren und schmeißt mir darauf Scherben in den Weg! Gerade mal 27 Kilometer blieben dem armen Ding vergönnt. Er ist doch noch so jung gewesen! Schon wieder 6 Euro im Arsch, die ganze Arbeit umsonst und zur Krönung auch noch ‘ne brechend volle S-Bahn.
Berlin, Berlin…ich weiß nicht, ob wir nochmal auf einen Nenner kommen. Momentan bist Du ja wenigstens was fürs Auge. Aber wie lange dauert es noch, bis Du wieder streng nach Kot riechst? Läuft’s weiter so wie heute, werden wir jedenfalls keine besten Freunde!
Denk mal drüber nach, Du Sau!
Tschüß,

Dein Thomas

 Vorhin in der Bahn 

Die U2 erkriecht stur, und ohne groß über die Welt an der Oberfläche nachzudenken, die Eingeweide Berlins. In ihr sitzt eine Frau Mitte dreißig. Mit aufrechter Haltung und hellem Blick durchgräbt sie aufmerksam Ihr Buch. Die Bahn hält, die Türen öffnen sich, neben ihr platziert sich ein älterer Herr in den späten 60ern. Eckige Brille, von Jahrzehnten der Rasur zerfurchte Haut, beige Altherrrenjacke und karierter Hut.

Auch er liest. Seine Lektüre ist die frisch erstandene Morgenzeitung. Das Platznehmen des Herren hat die Frau aus ihrer Konzentration gerissen. Unauffällig versucht sie, den neuen Störfaktor abzumustern. Er selbst scheint sie nicht zu bemerken. Ihr Blick fällt auf die ausgebreitete Zeitung, dann zurück ins Buch. Wieder auf die Zeitung, wieder zurück ins Buch. Dann friert er auf der Gazette fest. Langsam, aber für den Betrachter deutlich sichtbar biegt Sie sich in Richtung Inhalt. Der ganze Oberkörper wandert auf die verheißungsvollen Zeilen zu. Dort steht etwas, das sie offensichtlich lesen möchte. Etwas, das sie lesen muss!

Sie krümmt sich, doch plötzlich zuckt der Herr zurück. Wie ein schreckhaftes Reh. Ein schreckhaftes, ehrlich angepisstes Reh. Er schickt böse Augen in alle Richtungen. Nur die Frau umgeht er. Blickkontakt in der Bahn steht neuerdings unter Todesstrafe. Sie empfängt zumindest einige Querschläger. Die Situation wird ihr merklich unangenehm. Normalerweise würde sie jetzt rot werden, doch sie zählt zu den Personen, die das einfach nicht können. Einfach so, aus biologischen Gründen. Das Erröten hätte ihre zarte Beziehung noch mit einlullendem Charme retten können. Doch sie bleibt ihrer Normfarbe treu. Kalter Krieg im Abteil. Der Herr faltet eingeschnappt Papierquadrate.

Heute bekommt niemand mehr seine Zeitung zu Gesicht. Er wird sie erst daheim öffnen. Unter der Bettdecke, wenn es Nacht ist und seine Frau schon tief schläft.

 Gefangenschaft auf Balkonien 


Mein Geschreibsel beginnt direkt mit einem Klischee, das ich nicht erfüllen kann. Aus den Lautsprechern quillt mir Journeys „Separate Ways“ entgegen und aktiviert in meiner Vorstellung typische 80er-Jahre Filmbilder, in denen der Protagonist mit fetziger Musik untermalt für seinen finalen Kampf trainiert. Dieser Protagonist bin natürlich ich. Hier bleibe ich allerdings sofort hinter den Erwartungen zurück. Kein Strand zum Entlangrennen, keine Stufen zum Erstürmen, keine Holzstämme, die durch den Winterwald geschleppt werden wollen. Genau genommen sitze ich nur rum, pumpe mich mit Kaffee voll und sinniere mir imaginäre Trainingserfolge herbei. Schafft man es nicht, einen guten Teil seines Tages in autistischer Tagträumerei zu verbringen, kann so ein einsamer Urlaub echt zum Problem verkommen.

Dabei sollte ursprünglich alles anders ablaufen: Zwei Wochen frei, eine davon mit Freunden nach Tschechien. Nachdem diverse Faktoren das Vorhaben unter mehreren Schaufeln Friedhofserde begruben, musste ein Alternativplan her. Mir fiel sofort der Berlin-Usedom-Radweg ein. Der bräuchte zwar nur ein paar Tage, aber wenigstens würde eine gewisse Urlaubsatmosphäre herrschen und ich käme mal wieder raus aus Berlin.

Wie naiv von mir! Ich rechnete nicht mit der Eifersucht meiner Hauptstadt. Sie würde mich nicht einfach gehen lassen. Ahnungslos radelte ich durch den späten Sonnabend, als mir Berlin eine Tram-Schiene vor die Räder schmiss. Was ich Arschloch so oft halb-schmunzelnd beobachtete, passierte endlich mir. Ich überschlug mich fürstlich. Man sagt, das Glück sei mit den Betrunkenen und den Idioten. Ich hatte nicht getrunken. Trotzdem entging ich abgesehen vom Spott einiger Beobachter, ernsteren Verletzungen. Der folgende Sonntag im Krankenhaus sollte mir aber zumindest den Spaß versauen. Nix gebrochen, nur die scheiß linke Hand geprellt. Hey, halb so wild! Wozu braucht man schon diese gewucherte Spiegelung der rechten Hand? Schnell stellte sich heraus, dass das Ding zu so ziemlich jeder Tätigkeit erforderlich ist, die mit dem echten Leben jenseits der Arbeit am Rechner zu tun hat. Dinge anheben, Bierflaschen öffnen, Zelte aufbauen, Bären erwürgen und natürlich Radfahren.

Ich glaube, Ihr seht, worauf ich hinaus will. Mit meiner Temporärverkrüppelung sitze ich fest! Welche Aktivitäten bleiben mir denn noch, wenn ich Camping, Radfahren, finanzintensive Tätigkeiten und all die arbeitenden Freunde aus meinen Urlaubsplänen streiche? Oh fröhliche Einzelhaft in der größten Zelle Deutschlands! Ich denke, ich werde mal wieder spazieren gehen. Vielleicht haben sie ja den einen oder anderen Stadtteil neu gebaut. Vielleicht kann ich mich sogar irgendwo zum Schreiben motivieren. Vielleicht auch nicht. Ich wäre jedenfalls dankbar für jeglichen Hinweis zur kostengünstigen Tagesgestaltung.