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Kurzgeschichten, Gedanken und Beobachtungen

 Vorhin in der Bahn 

Die U2 erkriecht stur, und ohne groß über die Welt an der Oberfläche nachzudenken, die Eingeweide Berlins. In ihr sitzt eine Frau Mitte dreißig. Mit aufrechter Haltung und hellem Blick durchgräbt sie aufmerksam Ihr Buch. Die Bahn hält, die Türen öffnen sich, neben ihr platziert sich ein älterer Herr in den späten 60ern. Eckige Brille, von Jahrzehnten der Rasur zerfurchte Haut, beige Altherrrenjacke und karierter Hut.

Auch er liest. Seine Lektüre ist die frisch erstandene Morgenzeitung. Das Platznehmen des Herren hat die Frau aus ihrer Konzentration gerissen. Unauffällig versucht sie, den neuen Störfaktor abzumustern. Er selbst scheint sie nicht zu bemerken. Ihr Blick fällt auf die ausgebreitete Zeitung, dann zurück ins Buch. Wieder auf die Zeitung, wieder zurück ins Buch. Dann friert er auf der Gazette fest. Langsam, aber für den Betrachter deutlich sichtbar biegt Sie sich in Richtung Inhalt. Der ganze Oberkörper wandert auf die verheißungsvollen Zeilen zu. Dort steht etwas, das sie offensichtlich lesen möchte. Etwas, das sie lesen muss!

Sie krümmt sich, doch plötzlich zuckt der Herr zurück. Wie ein schreckhaftes Reh. Ein schreckhaftes, ehrlich angepisstes Reh. Er schickt böse Augen in alle Richtungen. Nur die Frau umgeht er. Blickkontakt in der Bahn steht neuerdings unter Todesstrafe. Sie empfängt zumindest einige Querschläger. Die Situation wird ihr merklich unangenehm. Normalerweise würde sie jetzt rot werden, doch sie zählt zu den Personen, die das einfach nicht können. Einfach so, aus biologischen Gründen. Das Erröten hätte ihre zarte Beziehung noch mit einlullendem Charme retten können. Doch sie bleibt ihrer Normfarbe treu. Kalter Krieg im Abteil. Der Herr faltet eingeschnappt Papierquadrate.

Heute bekommt niemand mehr seine Zeitung zu Gesicht. Er wird sie erst daheim öffnen. Unter der Bettdecke, wenn es Nacht ist und seine Frau schon tief schläft.

 Ich bin Schriftsteller. 

Guck mal, ich hab was geschrieben. Ich bin Künstler, weißt du. Allerdings keiner von diesen blöden Galerie-Affen. Ich bin einer von denen, die sich total zurückhaltend der Welt opfern. Wir schreiben über Dinge, die Menschen gut finden. Nicht so, wie die Schmierfinken mit ihren Bildern von hässlichen viereckigen Köpfen. Wir wissen ganz genau, wo die Augen sitzen und wie viele Finger eine dicke nackte Frau hat. Und welche Farbe eine dicke Nackte Frau nicht hat, wissen wir auch. Ich bin Schriftsteller. Das bedeutet, dass ich als Künstler Schrift in ein Buch stelle. Natürlich bin ich dabei total gut. Darum lesen sich meine Texte auch besser als die Postkarten von Tante Linde.

Wenn ich schreibe, dann ist das total gut! Ich denke mir auch immer so Sachen aus und so. Das können die mit ihren Pinseln schon mal nicht. Darum machen die auch immer nur so Zeug, wo Farben einfach übereinander gekleistert sind und nennen sie dann “Innere Verworrenheit” für zweiundzwanzigtausendundfünf Euro das Stück. Die spinnen doch alle! Die sollen doch lieber meine Texte lesen! Da sind wenigstens Helden drin und Monster. Und die Monster sind total furchterregend! Die können fiese Attacken wie Feuerbälle oder das Finanzamt anrufen. Da bekommt der Held schon mal ordentlich Schiss mit seiner ganzen Kohle, die er noch beim letzten Monsterschlachten kassiert hat. Ich schreibe am liebsten Fantasy-Abenteuer wie “Der Herr der Ringe” oder die Geschichten vom zweiten Weltkrieg.

Den Herrn der Ringe hätte ich übrigens auch ganz anders und viel besser hin bekommen. Ich hätte zum Beispiel den Oberbösen den Vater von dem Hobbit sein lassen. Und der Hobbit hätte auch einen riesigen Affen von einer Totenkopfinsel als Freund. Den würde er dann Sascha nennen und immer streicheln. Und der Affe würde mit einem Maschinengewehr kämpfen. Und die Bösen hätten auch Laser-Waffen!
Der Schreiber von dem Buch könnte noch was von meiner Phantasie lernen. Was mir immer für tolle Einfälle einfallen! Neulich dachte ich mir so, dass es doch total fetzig wäre, wenn in einem Buch ein Hai als Polizist Morde aufklärt, bei denen die Leichen wie Clowns angezogen werden. Das wäre cool, weil Haie eigentlich total böse sind und man vor Clowns auch Angst hat.

Neulich beim Geburtstag von Martin war auch ein Clown. Der hatte total viele Stoppeln im Gesicht und war gar nicht lustig. Immer, wenn Martins Mutter in die Küche gegangen war, hat der Clown aufgehört Späße zu machen und dafür aus seiner geheimen Flasche getrunken. Irgendwann ist er dann auch ganz komisch geworden. Nicht so wie ein Clown. Anders komisch! Dann hat er gesagt, er heißt nicht Bobo, sondern Ditmar. Und er hat auch angefangen zu weinen, weil Frau Bobo ihn wohl verlassen hat. Ob die jetzt mit einem neuen Clown zusammen ist, hat er nicht verraten. Irgendwann ist Bobo, der ja eigentlich Ditmar heißt, ganz plötzlich krank geworden. Er hat gebrochen und den Kuchen konnte dann keiner mehr essen.
Jedenfalls sind die Toten in meinem Buch mit dem Hai-Detektiv Clowns. Am Ende kommt dann raus, dass der Hai-Detektiv eigentlich eine gespaltene Persönlichkeit ist, die immer, wenn sie zum Clown mutiert Menschen umbringt und diese dann mit Kostümen auch zu Clowns macht um sich selbst eine Spur zu geben, wer der Verbrecher ist.

Das wird eine tolle und spannende Geschichte! Die Leute werden dafür dann bestimmt zweiunddreißig Euro ausgeben. Du musst dir mal vorstellen, wieviel das ist, wenn siebzehn oder zwanzig Leute das Buch kaufen. Davon kann ich mir einen Porsche kaufen, oder eine Python, die mich vor Mardern und wilden Kaninchen schützt. Ich möchte mal den Maler sehen, der sich eine Schutzpython leisten kann! Denen werde ich’s zeigen! Die werden schon noch sehen, was sie davon haben, dass sie damals das Bild von dem Spiderman nicht kaufen wollten! Jetzt schreibe ich halt richtig gute Romane. Auf die spannende Erzählung vom Wehr-Clown-Hai-Detektiv musst Du aber noch etwas warten. Ich schreibe nämlich gerade schon ein anderes Buch. Eine Biographie! Ich schreibe über mich, weil ich mich am besten kenne und mein Leben auch spannend genug ist. Klar macht das jeder. Aber ich schreibe aus der Sicht von meinem Hund Sigmund Jähn. Gerade beobachtet er mich, wie ich mit meiner Schaufel im Kindergarten Stefanie hinterher renne, weil sie meine Herr-der-Ringe-Burg kaputt gemacht hat. Sigmund Jähn weiß aber noch nicht, dass ich die Schaufel gleich nach der bescheuerten Stefanie schmeiße!

Mann, wird das ein Erfolg!

 Der Wolfsmensch-Modus 

Der Herbst hat sich zurückerobert, was Frühling und Sommer zärtlich umspielten.
Häuserschluchten, welche noch Wochen zuvor von der ausgelassenen Freizeit-Gesellschaft verteidigt wurden, werden wieder vom Wind beherrscht. Wie Stiere in den Gassen Pamplonas jagen die Böen uns Menschen. Wer getroffen wird, verwandelt sich. Aus kontakfreudigen Straßenbewohnern werden anonyme Masken, die regungslos vorüberziehen. Gesichter gibt es nur hinter Türen.
Es ist die Zeit, wo das wechselhafte Gemüt zurück in den Wolfsmensch-Modus verfällt. Eine vertraute Misantrophie erstarkt, obwohl man doch eigentlich nur nicht allein sein möchte.
Man zieht einsam durch sein Revier. Man steckt es ab, patrolliert. Die Maske dabei fest über das Innere gezogen und tief hinter dem Kragen versteckt. Alle Entgegenkommenden tun es so, doch nur man selbst trägt eine Seele dahinter. Die Anderen sind leer. Man weiß es, doch man irrt. Hinter Jedem lodert ein wärmendes Feuer. Man will es nicht sehen. Urbaner Wolf sein, heißt Egozentriker sein. Kein Platz für Rudel!
Und doch sucht man. Wieso durch die Dunkelheit streifen, wenn es keine Aussicht auf Beute gibt?

Wonach sucht der Wolf?

Er jagt sich selbst. Dazu stellt er sich dem großen menschlichen Nichts der Herbst-Stadt. Er nimmt die Unwirtlichkeit gezielt wahr. Keine Störfaktoren! Im Nirgendwo muss er einfach leichter zu finden sein! Vielleicht entdeckt ihn endlich sein Jäger, die eine Gestalt ohne Maske. Hinter jeder Ecke könnte sie lauern, aufmerksam durch das Zielvisier blickend.
Der Wolf ist müde. Er hat viele Herbste erlebt, viele Winter gehasst. Er sehnt sich danach, mit dem sterbenden Sommer nicht erneut wiedergeboren zu werden. Er möchte Mensch bleiben, sein Gesicht behalten!
Er weiß, dass es irgendwann passiert. Doch bis es so weit ist, zieht er unermütlich weiter, nimmt Grau und Kälte mit jedem Meter in sich auf, staut sie an und zehrt davon. Er labt sich an oberflächlichem Hass. Beleuchtete Schaufenster passierend, fallen ihm dutzende Verabscheuungswürdigkeiten auf. Kleinigkeiten meist, doch schnell im Kopf zur Bedeutung aufgetürmt.

Es kotzt ihn an!

Anfang-Dreißiger Modesklaven, die in durchgestylten Szeneläden Retro-Hosen mit indischen Schals kombinieren, Latte Macchiato saufende Yuppie-Gruppen in angesagten Cafés, und alternative Jungfamilien, die ihrem Adam Maurice Hanfjäckchen aus Kinder-Second-Hand-Läden anprobieren. All das wünscht er zu Teufel weil es nicht seiner Vorstellung der Welt entspricht und weil er davon abhängig ist. Eine einengende Abhängigkeit.
Ein wildes Tier würde kämpfen, doch dieser Wolf ist in Gefangenschaft geboren. Er hat die Verteidigung nie gelernt. So bewegt er sich weiter durch ein Gefängnis, das längst zu seinem Territorium geworden ist. Er wird weiter umher streifen und warten. Warten auf junge Sonnenstrahlen. Warten auf das Brechen der Maske. Warten auf die Rückverwandlung in einen Menschen.

 Hallo, Post! 

Dreizehn nach Zwölf. Im Wohnzimmer um die Ecke wird eine Verkaufsinformationssendung von Oliver Geissen unterbrochen. Renate Brunowski, Inhaberin dieses Wohnzimmers und aktive Verkaufsinformationssendungsliebhaberin ist sichtlich empört. Erbost über die unschöne Störung ihrer geschäftlichen Tätigkeit presst sie mit aller Kraft einen glimmenden Stumpen in den Aschenbecher. Das bootsförmige Schälchen ächtzt unter ihrer Gewalt. Renate wirft einen gepfefferten Blick auf die semi-schicke Standuhr. Noch immer 13:12 Uhr. “Das Darf ja wohl nicht wahr sein!” Schnaufend erhebt sich die korpulente Frau, und der vergilbte Sessel unter ihr atmet tief durch.
Ihre Kippen liegen auf dem Fensterbrett. Sie vergisst sie dort jedes Mal. Und jedes mal muss sie den verfluchten Weg zum Zimmerende rennen! “Ach, Mist!”, raunt sie mit langem “a” und extra großem Ausrufezeichen. Nun hat sie sich wirklich eine Fluppe verdient!
Ihre Finger huschen geübt über den Feuerstein, doch das Feuerzeug versagt seinen Dienst.
“Sach ma…” Sie kann ihren Gedanken nicht zu Ende bringen, denn schrilles Türklingeln reißt sie plötzlich aus dem Konzept.
Auch das noch! Wer will denn jetzt schon wieder was?
“Ja?!”, grunzt Renate dem unbekannten Aggressor entgegen.
“Die Po-host!”, schellt es glockenklar zurück.
Post? Das könnte der Ab-Flex-Gürtel sein! Den hatte Renate vor vier Tagen bestellt. Mit 54,90 € ein Schnäppchen, wie sie findet.
Der kleine Postbote erschrickt, als sich Renates breiter Kiefer aus der frischen Türspalte schiebt.
“Hallo Sie!”, versucht er das Eis in ihrem Gesicht zu brechen. “Sie haben…”
Renate fällt ihm ins Wort: “Post?!”
Der Bote strahlt aufgeregt, als wäre es seine erste Zustellung überhaupt. “Genau, Sie haben Post!” Renate zeigt sich immun gegen freundliche Mimik. “Von Ab-Flex?”, schnauzt sie. Der Postmann zeigt sich immun gegen unfreundliche Mimik.
“Nein, von ihrem Mann, dem Peter!” Der breite Kiefer im Türspalt entgleist. “Wat? Wie?! Woher wissen sie das?”
“Er kommt nicht mehr zurück!”, antwortet das strahlende Männchen, als hätte Renate danach gefragt.
“Woher?!…Sagen sie mal!”
“Ach ja, und Waldi hat er auch mitgenommen!”
“Wie kommen sie denn darauf?!” Renate scheint verunsichert.
“Na hier…steht doch alles im Brief!”
Im Wohnzimmer trägt Oliver Geissen seinen Schlussplädoyer vor. Renates Gesicht verwandelt sich in einen knallroten Ballon. “Sie können doch nicht fremder Leute Briefe öffnen!”
“Aber Frau Brunowski, Ihr Name steht doch auf dem Brief!”
“Sie haben sie wohl nich mehr alle!”
“Und auf dem Klingelschild, Frau Brunowski.”, fährt der gut gelaunte Herr freundlich fort.
“Ach ja, und dann war da noch der Brief vom Vermieter. Sie haben die Wohnung bis zum Vierzehnten zu räumen.”
Renate kann nicht glauben, was in ihrem eigenen Treppenhaus, an ihrer eigenen Wohnungstür vor sich geht. “Sie sind ja wohl verrückt!”
“Auu-ha! der Vierzehnte ist ja schon in acht Tagen! Da müssen Sie sich ja ganz schön ran halten, ‘ne neue Wohnung zu finden, Renate!”
“Mir reicht’s! So eine Unverschämtheit! Ich rufe die Polizei!”
“Ich darf Sie doch Renate nennen? Jetzt, wo ich sogar Ihr Klingelschild kenne?”
“Bist Du denn total bescheuert?!”, platzt es aus dem auf Heißluftballon-Größe geschwollenen Frauen-Kopf.
“Hast Du denn wenigstens schon das Wichtigste gepackt!? Ich darf doch duzen? Oder, Renate?”
Renate kocht! Ihre kurzen Finger ballen kleine Fäustchen! “So eine verfluchte Sauerei.”, denkt sie sich. Das ist ja noch unverschämter, als die Sache mit dem Parkplatz.
So ein fieser Drecksack hatte ihr vor einer Woche den Parkplatz weggeschnappt. Und das nur, weil sie sich schnell noch ein kleines Zigarrettchen anzünden wollte. Dem Typen hatte sie’s dann so richtig ordentlich gezeigt. Drei Zähne und ein Rücklicht büßte er ein. Sie war sich sicher:
“Der wird sowas kein zweites Mal wagen!”
Der freundliche Postbote lächelt indessen ungetrübt.
Immer breiter legt sich das Rot über Renates Antlitz. Sie glüht heißer, als es je eine Zigarette in ihrer Hand vermochte. Ihre Fäustchen mögen winzig sein, doch wie bei einem weißen Zwerg ruht in ihnen eine unvorstellbare Kraft.
Frau Brunowski reißt die Tür aus ihren Angeln. Man mag sie nicht Renate nennen, so wie sie sich vorm noch immer unschuldig guckenden Postmännlein auftürmt.
Es ist ein Anblick wie aus der Bibel. David und Goliath, Queen Kong und der Ameisenmann!
Der unbeeindruckte Bote greift in sein löwenzahngelbes Täschchen.
“Ach Renate, ich mache doch nur Spaß!” Er kramt, doch kann nicht sofort finden, wonach er sucht.
Renate, die unterdessen wieder menschliche Gestalt annimmt, glaubt nun an einen schlechten Scherz? Das konnte nur auf Peters Mist gewachsen sein!
“Ah, hier ist er!”, gluckst der Mann von der Post schließlich, und streckt Renate einen grünen Umschlag entgegen.
Das Rot ihrer Miene weicht einem Ausdruck der Zerknirschung. “Das fiese Schwein soll sich mal nach Hause wagen”, brummt Renate in ihren Damenbart.
“He, Nicht schmollen!”, muntert der Postmann sie auf.
“Du musst Dich gar nicht mehr beeilen mit der Wohnungssuche. Herr Doktor Lützwald von der Staatsanwaltschaft schreibt, du sollst Dich noch diesen Freitag vor Gericht einfinden. Es geht um den Typen vom Parkplatz!”
Renate verliert jeden Ausdruck. Wortlos, ja beinahe apathisch wirkend hängt sie das Türblatt wieder ein.
“…hier steht noch was von mindestens sieben Jahren. Auu-ha!”
Sie schließt die Tür hinter sich und schiebt sich zurück in den knarrenden Sessel.
Eine neue Zigarette entzündend widmet sie sich weiter ihren Verkaufssendungen. Ein neuer Ab-Flex-Gürtel wird angeboten. Nur 65,90 €! Ein Schnäppchen, wie Renate findet.

 Stamm(hirn)kneipe 

In der Kneipe in meinem Kopf ist es kurzvor Feierabend. Die Barhocker sind hochgestellt und Hilmar putztbereits gewissenhaft seinen Tresen. Er ist müde, doch ein einzelner Kunde hindert ihn noch an seiner verdienten Ruhe. Sein Name: Thomas.

T: Ey Hilmar, machste mir noch eins?

H: Was? Hast Du noch nicht genug vondem Zeug?

T: Nee, gib mal noch ‘n Großes, bitte!

Hilmar kippt nach.

T: Hilmar?

H: Ja?

T: Glaubst Du, man kann sich zur Produktivität zwingen?

H: Klar!

T: Ich meine nicht so ‘ne chinesische Turnschuh-Näh-Produktivität…sondern eher Produktivität als Künstler. Lässt sich Kunst durch die Gegend produzieren, wie Fritten inner Pommesbude?

H: Hm…manche können das.

T: Aber wie kann man denn etwas, das aus Überzeugung entstehen soll, im Zwang erschaffen?

H: Manche zwingen sich halt nicht.

T: Weil sie automatisch produktiv sind, ja. Mir geht’s doch jetzt aber um die, die es nicht können.

H: Was, Kunst?

T: Nein, sich zwingen!

H: Trink Dein Bier!

T: Also wenn er nicht sonderlich produktiv ist beim Malen, Schreiben oder was auch immer der Künstler tut…sollte er sich zwingen? Und kann das überhaupt funktionieren?

H: Disziplin kann da schon helfen!

T: Aber der Leistungsdruck verfälscht doch Ergebnisse!

H: Quatsch, wieso denn?

T: Na weil…ähm…wegen.

H: Ich höre?

T: Na weil er sich eben gezwungen hat.Und in dem Augenblick ist seine Arbeit nicht mehr aufrichtig.

H: Klar ist sie das. Ihm hält doch niemand eine Knarre an den Kopf. Er weiß doch vorher, was er sagen will.

T: Und wenn er es nicht weiß? Es gibt ja auch Menschen, die am Anfang eines Projektes noch nicht wissen,was dabei raus kommt.

H: Das sind keine Künstler. Kunster füllt einen Zweck. Pinselt einer einfach drauf los, ist das Ergebnis unter Umständen zwar schön, hat dann aber nischt mit Kunst zu tun.

T: Kunst ist keine Kunst, wenn sie nur schön ist?

H: Genau. Das darfst Du höchstens Können nennen!

T: Ich dachte, Kunst kommt von Können.

H: Wer erzählt denn sowas?

T: Keine Ahnung. Sagt man doch so.

H: Man? Ich sag sowas nicht!

T: Du zählst nicht!

H: Wieso?

T: Du bist eigenartig und hast ‘ne komische Kneipe, in der merkwürdige Typen rumhängen.

H: Typen wie Du?

T: Zum Beispiel! Willst ‘n Schnaps?

H: Willst Du mir meinen eigenen Schnaps spendieren?

T: Äh, ja. Mach mal zwei fertig.

H: Gut, ist ja Dein Geld.

T: Apropos, kann ich anschreiben?

H: Ich wusste es!

T: Also Kunst darf sich nur so nennen, wenn sie ‘ne Botschaft hat.

H: Jap!

T: Vielleicht entsteht die ja auch erst “unterwegs”. Man beginnt mit ‘nem Punkt. Daraus wird ein Auge,drumrum erscheint ein Gesicht und ehe es einer bemerkt haste ‘ne Szene aus der französischen Revolution.

H: Gut möglich!

T: Dann widersprichst Du dir!

H: Hier, das geht aufs Haus! Kennst Du keine normalen Themen?

T: Sieht nicht so aus.

H: Frauengeschichten?

T: „Normale“ Frauengeschichten? Die müssen ja wohl erstmal erfunden werden!

H: Stimmt auch wieder. Aber sag mal,wie kommst Du überhaupt auf den ganzen Produktivitäts-Kunst-Kram?

T: Ich hab Motivationsprobleme. Kann mich seit Monaten nicht wirklich zum Schreiben aufraffen. Immer nur kurz und immer irgendwie ungeplant.

H: Dann lass es doch!

T: Also nicht zwingen?

H: Doch, wäre schon besser!

T: Wie jetzt? Ich denke, ich soll’s lassen?!

H: Spielt es eine Rolle, was Dein Kneiper sagt? Wenn ich Dir rate, es zu tun, wirst Du dann plötzlich wie ein Besessener deine Finger blutig tippen?

T: Keine Ahnung. Einen Versuch wär’s wert!

H: Morgen erzählst Du deinem Friseur die selbe Geschichte, der rät Dir,dich ja nicht unter Druck zu setzen. Schon konkurrieren zwei grundverschiedene Meinungen.

T: Quatsch! Du bist der, der mich mit Schnaps versorgt. Natürlich hör ich auf Dich!

H: Und wenn ich falsch liege? Hast Du keinen eigenen Willen?

T: Sicher…irgendwo.

H: Wenn Du so durchs Leben ziehst, macht bald jeder mit Dir, was er will.

T: Da ist was dran. Vielleicht sollte ich aus Prinzip genau das Gegenteil von dem tun, was die Leute mir raten!

H: Vielleicht. Wird allerdings schwierig bei unterschiedlichen Ratschlägen!

T: Da such ich mir halt den raus, der mir am besten gefällt, und tue dann das Gegenteil!

H: Mach das!

T: Ha, könnte Dir so passen! Ich werd’s nicht machen!

H: Dann lässt Du es halt!

T: Ha, ich mach’s!

H: Du bist echt nicht ganz dicht, weißt Du das?

T: Muss ich’s denn wissen?

H: Oh Mann! Hier, trink das!

T: Cool, danke!

H: Wieso hast Du jetzt einfach mitgemacht?

T: Weil ich mir keinen Gratis-Schnaps entgehen lasse.

H: Der war nicht gratis! Ist schon mit aufgeschrieben.

T: Mist!