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Kurzgeschichten, Gedanken und Beobachtungen

 Ein zu langer Tag 

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Ich war mal wieder viel zu lange auf. Doch beim Tüfteln an der neuen Seite sind am Ende doch noch einige Stunden verstrichen. Dieser Eintrag dient entsprechend nur dem Testzweck. Wird es klappen, vom Klugscheißerfernsprecher aus Bild und Text ins digitale Gehölz zu zimmern? Wenn ja, wie sieht es aus? Ich bin gespannt.

 Wer braucht schon Geschenke? 

Santa with MusclesEine kleine Weihnachtsgeschichte für meine liebe Mutter

Am Anfang war es nur ein kleines Klopfen. »Pock, Pock. Pock, Pock. «
Ilona merkte es kaum. Je mehr sie sich aber darauf konzentrierte, desto stärker wurde es. »Pock, Pock. Pock, Pock, BÄM, BÄM! « Sie war aufgeregt, denn endlich war es wieder so weit. Weihnachten klopfte an ihr Herz und forderte Einlass.

In ihrem warmen Bettchen hätte sie sonst den halben Tag verbringen können. Doch nicht heute. Heute wollten Plätzchen genascht, Weihnachtsschmuck platziert und natürlich Geschenke verteilt und gesammelt werden. Ilona konnte es kaum erwarten. Erst würde in gemütlicher Runde gegessen und gealbert werden, und wenn sich der Abend über Potzlow niederlegte, würde sich der Weihnachtsmann durch den Schornstein zwängen, seinen Sack voll Geschenke leeren, alle Spuren verwischen und sich wieder aus dem Staub machen.
Natürlich wusste Ilona, dass der Weihnachtsmann nicht mehr als eine Legende war. Sie stellte sich aber immer wieder gern vor, wie es mit einem echten Weihnachtsmann so wäre auf der Welt.

Wegen seiner lebenslangen Beschäftigung müsste er ja Beamter, oder wenigstens bei den Regierungen der Erde fest angestellt sein. Mal abgesehen von Ländern wie China, Cuba oder Legoland. Dort gäbe es der Kultur entsprechend andere Typen für den Job. Und alle würden sich auf einer jährlichen Konferenz mit Namensschildchen und kaltem Buffet treffen um über Meinungsforschungsergebnisse oder die neusten Beschenkungstechniken diskutieren.

Gerade überlegte Ilona, wie wohl der jamaikanische Weihnachtsmann heißen würde, als es an der Tür klingelte. »Mutterrrrr, die Kinder sind da. Öffne die Tür, sonst erfrieren wir!«
»Alberne Gören! «, kicherte Ilona und sprang aus dem Bett in ein Paar frische Socken. Polternd ließen Maxi und Thomas ihr Zeug im Flur fallen. Ilona hörte schon am Aufprall, dass es sich um tonnenschwere Geschenk-Kisten handeln musste.

»Ihr sollt doch nicht immer so viel Geld ausgeben!«, dachte sie, freute sich aber jetzt schon wie ein Honigkuchenpferdchen im Lebkuchenschloss. Ein zweites Türklingeln schürte die Hektik. Ilona öffnete und sechs riesige Tüten schoben sich durch den Eingang. Hinter ihnen trat Giuseppe zum Vorschein und grinste breit. »Hallo Schatz. Guck mal, was der Weihnachtsmann gebracht hat!« Alle waren nun versammelt. Das Fest konnte beginnen.

Wenig später saß die Familie schon am Küchentisch und bereitete sich auf die große Kloßballschlacht vor. Hinter Tellern und Schüsseln verschanzt bauten sie Hecken aus Rotkohl und präparierten ihre Klöße. Eine Schneeballschlacht könnte ja schließlich jeder veranstalten. Klöße taten lange nicht so weh, wie fest backender Schnee. Und wenn man sie mit dem Mund fing, schmeckten sie auch besser. Seit dem letzten Jahr war das Tunken in Soße allerdings verboten. Niemand hatte Lust, das Küchestreichen zur jährlichen Tradition zu machen. Als alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, ertönte der Anpfiff. Es hagelte Kartoffelmasse in alle Richtungen. Auf das Klatschen eines Treffers folgte das dreckige Lachen des Werfers. Zu früh kassierte Thomas einen Blattschuss und warf das Handtuch. Giuseppes Munition war bald erschöpft, so schied auch er aus. Das Gefecht zwischen Maxi und der siegessicheren Ilona entbrannte nun heftigst. »Aaaachtung!«, kreischte Maxi und feuerte einen unförmigen Klumpen genau zwischen Ilonas Augen. Das Matschende Geräusch des Aufschlages war das Letzte, was Ilona hörte. Sie ging zu Boden und verlor das Bewusstsein.

Minuten verstrichen, ehe Ilona wieder zu sich kam. Die Familie beugte noch immer sichtlich erschrocken über ihr. »Alles okay? Geht’s Dir gut?«, fragten sie im Chor.
»Was? Bin ich Siegerin?«
»Fast. Der Kloß hat Dich umgehauen. Ich wollte gar nicht so gut treffen.« jammerte Maxi.
»Alles gut, Große!« Ilona sprang auf und fühlte sich noch besser, als vor der Kloßschlacht. So leicht konnte sie ein einfacher Kloß nicht fertig machen. Das wäre ja noch schöner! Den strahlend roten Abdruck auf ihrer Stirn fand sie irgendwie richtig weihnachtlich. Er erinnerte sie an das berühmteste der Weihnachts-Rentiere. Sie war Rudolph. Nein, Rudilona!

Rudilona hatte sich jetzt auf jeden Fall etwas Ruhe verdient. Ein Stunde Mittagsschlaf wäre genau das Richtige, beschloss sie und mummelte sich bald tief in ihre Bettwäsche ein. »Pock, Pock. Pock, Pock.« Das Herz schlug langsamer und ruhiger und Augenlider sanken zu. Noch ehe sie aber einschlafen konnte, ließ sie ein entferntes Schellen aufhorchen. »Was war denn das?«, wunderte sie sich. Auch wenn es nicht sehr laut war, hatte das Geräusch einen unheimlichen Einfluss auf sie. Sie horchte, doch nun schien die Welt muxmäuschen-still. »Sicher nur eingebildet!«, dachte sie und drehte sich um. »ho….hoho…..HOHOHO!« Wieder schreckte sie hoch. Was war denn das!? Es fühlte sich an, als richtete sich das Geräusch nur an sie. Sie lauschte, doch wieder antwortete nur Stille. Hatte der Kloß sie doch härter getroffen, als sie es wahr haben wollte? Nein, bestimmt nicht! Aufmerksam achtete sie jetzt auf jede Regung, bis die Augen schwerer wurden und sie im zuckersüßen Mittagschlaftraum versank. Dort traf sie auf Rudolph, der sie um den roten Kreis auf ihrer Stirn beneidete. Er wollte gegen seine rote Nase tauschen, doch die strahlte längst nicht so schön, wie der Kloßabdruck. Rudolph war zwar sehr niedlich und durchaus überzeugend. Doch Ilona erkannte einen schlechten Deal, wenn sie ihn sah. Weil ihr Herz aber groß war, tauschte sie nur für den Traum gegen die Nase. Dafür durfte sie auf seinem Rücken über norwegische Wälder hinweg reiten, bis Giuseppe sie aus Traum aufwecken würde.

»Schatz? Schatz, aufwachen!« Schon war es so weit. Die Wintersonne verschwand hinter eingeschneiten Baumwipfeln und langsam nahte die Bescherung. So viele Geschenke mussten noch platziert werden. Nun galt es, keine Zeit zu verlieren. Weihnachtsmusik umspielte das Ohr und der Duft von Räucherkerzen erfüllte den Raum. Und der geschmückte Baum freute sich darüber, endlich einen Stapel in Buntpapier gehüllte Kartons unter sich zu haben. Giuseppe und Ilona hatten einen guten Job getan. Die Kinder würden begeistert sein.

»Kiiiiiiiinder, der Weihnachtsmann ist da gewesen!« Dieser Satz verwandelte Maxi und Thomas in vorjugendliche Rotzlöffel. Aufgekratzt kamen sie angetippelt und schleppten selbst monströse Kartons vor sich her. »Bei uns ließ er auch etwas für Euch!« Oh, wie Ilona die Bescherung liebte. Der Reihe nach öffnete nun jeder ein Päckchen. Eines nach dem anderen, bis alles verteilt und wirklich jeder überglücklich war. Wirklich alles? Nein, ein kleiner unscheinbarer Karton wartete noch auf die Öffnung. ‚Für Mutti’, stand darauf geschrieben. »Oh, noch eins für mich?«
»Fröhliche Weihnachten!«, wollte Giuseppe gerade antworten, da polterte es fürchterlich lärmend über dem Wohnzimmer. »Das kam vom dem Dach!«, schrie Ilona. »Oh Gott, der Baum ist umgekippt!« Sie rannte zum Fenster. Der Baum stand noch immer fest im Boden verankert. »HO, HO, HO! Hab ich Dich endlich gefunden!« brummte nun eine Stimme aus der Küche. Jemand trat die Wohnzimmertür ein. Irgendwer schrie, »Ruft die Polizei!«

Im Türrahmen hatte sich eine massive Figur aufgebaut. Er trug schwere abgewetzte Stiefel, dreckige Winterbekleidung mit dunkelbraunem Fellrand, die in ihren besten Tagen wohl rot aussah und eine Mütze, deren Bommel schon reichlich zerpflückt schien. »Die Polizei wird Euch nicht helfen!«, lachte der bärtige Hühne in seinem verwahrlosten Outfit. »Du trägst das Mal! Der rote Kreis! Du gehörst Mir!“ Er zeigte auf Ilonas Stirn. »Bist Du der Weihnachtsmann?«, fragte sie. »Nenn mich, wie Du willst! Du kommst mit mir und wirst den Schlitten ziehen, wenn ich Geschenke sammle.«
»Sammeln? Ich dachte, Du verteilst sie.«
»Ich tue, wozu ich Lust habe. Die Geschenke stehen mir zu! Ich werde mir jedes einzelne holen und Du wirst mir dabei helfen!«
»Spinnt der?! Ich geb’ doch nicht die Geschenke meiner Familie her!«

Der aufgebrachte Riese griff in seinen Sack und warf einen massiven Eisbrocken auf die ausgepackten Köstlichkeiten. Knirschend gaben sie dem Druck nach. »Du wirst gehorchen, wenn ich etwas sage! Du wirst knien, wenn ich befehle. Du bist mein!«
»Krümme hier irgendwem ein Haar, und ich reiß Dich in Stücke!«, drohte Ilona. »Ach wirklich?! Und was genau willst Du Wurm mir anhaben?«, entgegnete er spottend. »Leg Dich nicht mit Mutti an! Mutti macht Dich kalt!«
»Deine Mutti macht was?!«, schrie er Maxi an. Er griff wieder in seinen Sack und hielt nun einen Hammer aus Eis in der haarigen Faust. »Lass meine Kinder aus dem Spiel. Ich gehe mit Dir. Du hast gewonnen.!« Der Weihnachtsmann lachte und hielt sich dabei den Bauch. »Gut, ich bereite den Schlitten vor. Keine faulen Tricks, sonst sind sie dran!«
»Keine faulen Tricks, verstanden!« Ilona zwinkerte ihrer Familie zu.
»Darf ich mich verabschieden?«
»Tu, was Du für richtig hältst. Aber sieh zu, dass Du in zwei Minuten vor den Schlitten gespannt bist!«

Ilona umarmte jeden einzelnen und flüsterte ihm etwas zu. Es sah traurig aus für die Familie und das Weihnachtsfest. Nach herzlichen Verabschiedungsküssen trat Ilona auf den Hof. Maxi und Giuseppe schauten aus der Tür hinterher. Von Thomas fehlte jede Spur. »Jetzt steh nicht so faul herum. Es geht los!«, raunte der Weihnachtsmann, nachdem er den Sack auf der Ladeklappe seines ramponierten Schlittens deponiert hatte. Ilona hob die Hand zum Abschied. »Lebt wohl, ich werde Euch vermissen. Aber trauert nicht um mich. Lasst Euch die Klöße schmecken!«

Klöße – Das war das Stichwort!

Maxi schrie: »Jeeeetzt!« Aus der Küche ließ Thomas ein Kloß in hohem Bogen fliegen. Ein meisterlicher Pass! Gekonnt fing Maxi das glitschige Teil und passte weiter an die wartende Mutter. »Was zum…Klöße?!« platzte es aus dem sichtlich irritierten Schurken. Ilona schaute ihm tief in seine furchterfüllten Augen.

»Yippikayee, Schweinebacke!!!«

Ihr Wurf traf direkt ins Gesicht. Das Monstrum sank zu Boden und zerfloss garstig fluchend zu einer grünlichen Suppe. Die Familie tanzte und freute sich. Nur Ilona schien noch auf etwas zu warten. Sie spürte, dass es noch nicht vorbei war. Und sie sollte recht behalten.

Die Ereignisse waren kaum realisiert, als ein weiterer Schlitten auf dem Dach landete. Anders, als der ramponierte Weihnachtsschlitten, war er ganz in blau gehalten und trug eine Sirene auf dem hölzernen Dach. »Ho-Ho-Ho«, röhrte sie noch immer, als ein zweiter Weihnachtsmann in blauer Uniform vom Giebel stieg. »Hallo Frau Hollnack. Vielen Dank für Ihre Hilfe. Wir haben Sie per Luftüberwachung beobachtet. Weihnachtsmann D-12.2010 schien uns schon lange zwielichtig zu sein. Ihr Einsatz hat heute vielen Menschen das Fest gerettet. Die Regierung bedankt sich und wünscht Ihnen noch schöne Feiertage. Leider sind wir nicht in der Lage, ihnen die Erinnerung an diese Ereignisse zu lassen.«

Ein heller Blitz erleuchtete den Hof und Ilona erwachte in Ihrem Bett.

»Pock, Pock.« Ihr Herz schlug ruhig. Heute war Heiligabend. Die Kinder und Giuseppe würden kommen. Und selbst ohne Geschenke würde es ein schönes Fest. Da war sie sich irgendwie sicher.

 Einsteigen, aussteigen, überleben 

Ich schrecke hoch und weiß sofort, dass ich verschlafen habe. Ein hastiger Blick auf den Wecker: 6:40 Uhr. Sofern er heute keinen Urlaub genommen hat, sollte er bereits um 6:00 Uhr klingeln, um 6:15 Uhr ein zweites Mal. Durch das Bewusstsein meiner Verspätung ist wenigstens der Kreislauf schon wach. Schön für ihn, doch von mir lässt sich das nicht behaupten.

6:41 Uhr – Okay, mir bleiben noch 19 Minuten. Duschen, das schmierige Haar reinigen, Maul ausfegen, seidiges Haar föhnen, Kleidung überstülpen und irgendwo dazwischen sollte noch etwas Kaffeepulver in einer Kanne landen. Ich brauche meinen Kaffee für unterwegs. Hier dürfen keine Abstriche gemacht werden.
Gegen 6:57 Uhr habe ich den finalen Schnürsenkel geknotet. Ich liege wieder voll in der Zeit und nehme mir daher das Recht, reichlich zu bummeln. Gemütlich schlendere ich gen S-Bahn. Auf dem Gleis angekommen bietet sich das übliche Spektakel. Eine beachtliche Herde Menschen wartet unruhig auf ihren Viehtransport.
“S-Irgendwas Richtung Olympiastadion: 3 Minuten” steht auf der von jedem bestarrten Infotafel. Eigentlich recht beruhigend: Die Bahn erscheint bald. Kein Grund zur Sorge! Oberflächlich könnte man der harrenden Gesellschaft ihre Sorglosigkeit glatt abnehmen. Doch kaum brechen aus diesigem Nebel die Lichtkegel zweier Frontscheinwerfer hervor, kippt die Stimmung wie nach einem verflucht schlechten Fußballspiel.

“Ein sich heranpirschender Leopard versetzt die Herde in Aufruhr.”
Plötzlich werden Standbeine gewechselt, Jacken knistern, Rucksäcke rauschen. Jeder versucht möglichst unbemerkt, seine Poleposition für den Einstieg zu ergattern. Ein junger Herr in dunkelgrün wagt sich gefährlich nahe ans Gleisbett. Eine rot behoste Frau überbietet ihn tollkühn. Er schaut böse. Sie versucht nun, das triumphale Grinsen unter einer Maske schlechter Laune zu knebeln.

Ähnlich geht es Dutzenden. Sie alle stehen nun so weit vorn, dass die Bahn gleich hauchdünne Scheiben von ihren Nasen abtrennen wird. Etwas weiter hinten warte ich auf die unvermeidliche Gruppenamputation. Morgen steht doppelseitig in der BILD: “Bahn köpft Nasen – Tickets für einen Monat 10 Cent billiger!” Zum Glück irre ich mich. Der Transport kommt zum Stillstand. Die Gefahr scheint gebannt. Doch hinter beschlagenen Luken lauert das nächste Grauen: die Anderen!

Der Stamm der Aussteigenden pflegt seit Anbeginn der Menschheit eine innige Feindschaft mit dem Stamm der Einsteigenden. Ihre Ablehnung zueinander begründet sich in einem einfachen doch tiefgehenden Konflikt: Sie wollen raus. Wir wollen rein. Wir hätten sie längst besiegen können, doch uns fehlt die Einheit.

Wir Einsteiger hassen die Aussteiger von ganzem Herzen!

Bürgerkrieg bricht los. Die Aussteigenden schieben sich so angestrengt aus der Bahn, wie die Wurst aus dem Enddarm. Jeder will raus und alle haben offensichtlich panische Angst davor, den Absprung nicht zu schaffen. Wir hier draußen fürchten uns nur vor dem Zurückbleiben. Nervös tanzen wir an den Rand des Einganges. Wie lange dauert es noch, bis diese dämlichen Anderen sich aus unserem Zug verpissen!? Wir wollen rein! Wir warten nicht länger, bis der letzte Idiot unser Gebiet verlässt. Jetzt brüllt jemand “Freeeeeedooooooom!”, und alle stürmen los. Frauen weinen, Kinder schreien, Maschinengewehrsalven zerschneiden die Luft. So sieht Terror aus!

Nur Sekunden vergehen und die Hölle liegt hinter uns. Der Schaffner nuschelt gelangweilt: “S-Irgendwas Richtung Olympiastadion..zuuurückbleim bidde!” Zurückbleiben!? Da ist es wieder, dieses schreckenerregende Wort. Niemand will zurückbleiben. Ich für meinen Teil habe es geschafft…diesmal. Für eine Parade bleibt jedoch keine Zeit. Wir müssen uns schließlich auf die Neuordnung vorbereiten. Kaum sind alle Verletzungen verarztet, wartet schon der Ausstieg.

Ich muss hier raus! Ich darf nicht verharren! Ich bin ein Aussteiger.

Die rote Hose und ihre Frau fließen an mir vorbei. Wieder ganz nach vorn, bis die Nasenspitze von der Tür gestoppt wird. Ob ich sie besiegen kann? Ob sie mich aussteigen lässt? Die Bahn hält an der Jannowitzbrücke. Jemand wischt die Kondensschicht von der Scheibe und wir sehen, was uns erwartet. Da stehen die Hyänen schon. Wollen rein, in unseren Zug. Warten kaum, bis wir draußen sind, diese Arschlöcher.

Wir hassen die Einsteiger von ganzem Herzen!

Viele von uns werden es nicht schaffen. Die Schwächeren bleiben zurück. So will es das Gesetz der Natur. Alle anderen schauen voraus auf die nächste Schlacht. U8 Richtung Wittenau.

 Begegnung mit einem Zeitreisenden 

Flux Kompensator

Nichtsahnend sitze ich vor meiner Arbeit, als sich plötzlich die Tür zu unserer Agentur öffnet. Herein kommt (ganz ohne Licht und atmosphärischen Nebel) der Augenblick, auf den ich mein Leben lang wartete. Ein glatzköpfiger Mann betritt die Bühne. Er erscheint wirr und schrecklich in Eile. Mit gebrochenem Deutsch murmelt er: “Datum…welches Datum? Bitte aufschreiben…auf Zettel!”
Ich tue ihm den Gefallen, denn die Tragweite der Situation offenbart sich mir. Kaum habe ich begriffen, schon ist er wieder fort. Es war die folgenschwere erste Begegnung mit einem Zeitreisenden!

Zu oft sah ich es schon in Filmen:
Ein Mann fragt panisch: “Welcher Tag ist heute?”
Ein anderer antwortet: “Donnerstag.”
Und der eine darauf wieder um so panischer: “Nein, welches JAHR?!”

Genau das ist passiert. Ich war der andere. Natürlich muss es sich um eine Zeitreise gehandelt haben! Allein schon die Hektik lässt darauf schließen. Drei weitere Fakten untermauern die Tatsache.

1. Er sprach nur gebrochenes Deutsch: Natürlich! Schließlich degeneriert die deutsche Sprache zusehends.

2. Sein Haar war licht: Selbstverständlich! Die Evolution belegt, den Haarverlust der Gattung Homo sapiens.

3. Die Gesichtsfarbe wirkte südländisch: Logisch! Klimatische Veränderungen in der Zukunft führen mittelfristig zur Anpassung der Pigmentierung.

Wie Ihr seht, könnte meine Argumentation kaum nachvollziehbarer sein. Ich traf einen Zeitreisenden, und daran ist nicht zu rütteln. Zweifler mögen vom gleißenden Licht der Todesstrahlen getroffen werden. Ich gehe derweil nach draußen und halte Ausschau nach De Loreans und britischen Polizei-Telefonboxen.

 Berlin, Du Arsch! 

Berlin = doof

Hallo Berlin,

es wird Zeit, dass wir uns mal unterhalten. Kannst Du dich noch erinnern, wie grün wir uns im vergangenen Sommer waren? Ich weiß nicht, woran es liegt, doch irgendwie kühlte sich unser Verhältnis zum Herbst hin mächtig ab. Im Winter dann totale Funkstille. Ich hasste Dich, konnte Dich kaum noch ertragen. ‘Zur Hölle mit Dir’, dachte ich und meinte es ernst. Ich war Deiner überdrüssig.
In den letzten Tagen geschah dann plötzlich etwas, das ich trotz alljährlicher Regelmäßigkeit kaum für möglich hielt. Deine Straßen wirkten zunehmend freundlicher, Deine Bewohner zufrieden. Ich war wirklich verflucht froh, als Du so unerwartet den Schritt auf mich zu gingst. Nach Monaten der Funkstille hattest Du dich richtig herausgeputzt. Alle Ablehnung meinerseits verblasste plötzlich zur kindischen Nichtigkeit. Irgendwie mochte ich Dich wieder. Doch was war mit Dir fiesem Arschloch?! Du hast mir den Frühling ums Maul geschmiert, um den nächsten Schlag gegen mich zu planen! Wie konnte ich Dir nur so auf den Leim gehen?!
Ich machte mir extra die Mühe, mein Fahrrad wieder straßentauglich zu kriegen. Hast Du ‘ne Ahnung, was das für eine Sauerei gewesen ist?!
Dann lässt Du mich exakt einen Tag mit neuem Schlauch fahren und schmeißt mir darauf Scherben in den Weg! Gerade mal 27 Kilometer blieben dem armen Ding vergönnt. Er ist doch noch so jung gewesen! Schon wieder 6 Euro im Arsch, die ganze Arbeit umsonst und zur Krönung auch noch ‘ne brechend volle S-Bahn.
Berlin, Berlin…ich weiß nicht, ob wir nochmal auf einen Nenner kommen. Momentan bist Du ja wenigstens was fürs Auge. Aber wie lange dauert es noch, bis Du wieder streng nach Kot riechst? Läuft’s weiter so wie heute, werden wir jedenfalls keine besten Freunde!
Denk mal drüber nach, Du Sau!
Tschüß,

Dein Thomas