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 Die Auflösung 


In Zeiten der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne kann man schon mal fragen: Erinnert Ihr euch noch an das Quiz vom letzten Eintrag?
Was hat es mit der mysteriösen Glocke am Straßenrand auf sich? Ich stellte meine Frage in der Facebook-Gruppe “Brighton People” und erhielt gute 65 Antworten. Fünfundsechzig!!! Plus diverse Antworten und Konversationen. Das Interesse daran erstaunte mich schwer.

Dabei waren viele schwachsinnige Spaßantworten, aber auch diverse richtige. Ihr brennt sicher schon darauf, die Lösung zu erfahren.
Ein Klick aufs Video macht Euch schlauer.

 Uninspiriert aber pflichtbewusst 

Seht mich nur an! Schaut genau hin! …wie ich hier sitze. In Unterhosen. Neben mir eine angebrochene Tüte Doritos. Geschmacksrichtung “Tangy Cheese”. Schmeckt ekelhaft, geht aber trotzdem erschreckend gut rein. Im TV plätschert ein Stand Up Comedy Act vor sich hin. Es stellt sich heraus, dass auch Briten platt und unlustig sein können. Ein mir unbekannter Schotte macht Witze darüber, wie ihn in England niemand versteht. Ha…ha. Lustig. Kennste? Kennste? Mann und Frau? Sie so. Und er dann! Jawoll, Haha! Schotten klingen lustig. Das muss ausgeschlachtet werden!

Wenn ich mal Captain Obvious spielen darf: Fernsehprogramm ist überall Scheiße! Mit einigen Ausnahmen. Die kommen bei uns an und wir denken: “Überall ist’s besser als bei uns.” Direkt aus Überall versichere ich Euch: Überall ist’s Scheiße!

Ich zähle die Tage bis zur Installation des Internets. Nicht, dass ich meine Freizeit mit Serien verbringen sollte. Mir liegt ein ganzes Land zu Füßen, das entdeckt werden möchte. Doch auf den Montag Abend nach einem durchmarschierten Wochenende braucht man einfach eine Portion Netflix. Wir waren am Devil’s Dyke (Siehe Titelfoto) Extreeeem schön! Extrem anstrengend!

Ich mache heute jedenfalls keinen Schritt mehr, als ich muss. Bricht hier nachher noch ein Feuer aus, rolle ich mich raus. Kein Schritt mehr! Kein Schrittbreit den Faschisten!
Ich will Fear The Walking Dead gucken. Die letzten Folgen Doctor Who mit Capaldi. F is for Family. Castlevania und all die vergessenen Serien, die ja gar nicht so wichtig sein können, wenn mir nicht mal mehr der Name einfällt. Scheißegal! Ich will beballert werden! Mein Körper ist müde, der Geist noch sehr hungrig.

Man kann so einen Geist auch mit Bier füttern. Dann schläft er von ganz allein ein. Ich hätte kein Problem damit. Leider ist nur Corona im Haus.
Pssst! Ich weiß, einige von Euch haben gerade wütend den Schreibtisch umgerissen. Corona?! Was soll das denn? Einseinseinself!
Dieses bierartige Kaltgetränk war ein Geschenk. Ein Geschenk von meinem Vermieter!

Habt Ihr mal von Eurem Vermieter Bier geschenkt bekommen? Ich nicht. Bis heute. Er war zu Besuch, sich den Wasserschaden anzuschauen.

Ach ja. Ich hatte einen Wasserschaden am Donnerstag. Es tropfte von der Decke. Nicht sehr schön, wenn auch nicht mega dramatisch. Defekte Waschmaschine in der Wohnung über mir. Wir alle hatten Glück, dass ich in der Mittagspause zu Lucy musste und es so unmittelbar entdeckte. Mein Vermieter war in Spanien im Urlaub, kannte aber den Vermieter der anderen Wohnung. So war ein Klempner schließlich schnell vor Ort.
Mit etwas Glück muss bei mir nur etwas Tapete ausgebessert und ‘ne Schutzfarbe aufgetragen werden. Definitiv unkomplizierter als ein konstant brummender Entfeuchter im Raum. Heißen die Dinger so? Entfeuchter? Ich kann nicht anders, als albern zu grinsen. Entfeuchter! Und wie läuft Euer Liebesleben so?

Samstag Nacht spazierte ich etwas durch Brighton um das Partyleben (zunächst aus sicherer Distanz) zu beobachten. Man hört ja so einiges! Besoffene Frauen hocken über ihrer eigenen Kotze am Straßenrand. Besoffene Typen prügeln sich. Überall Junggesellen und -gesellinnen. Überall menschliches Elend. Was soll ich sagen? Stimmt alles! Kurz nach 1 Uhr (an einem durchschnittlichen Samstagabend) glich die Ausgehmeile einem Silvestermassaker.
Ich war leider vorher noch im Kino, weshalb ich mich in Sachen Besoffenheit stark abgehängt fühlte. Das Projekt “Mingling with the locals” wurde darauf aufs nächste Wochenende vertagt. Internet kommt zum Glück erst in der Woche danach.

 Persistent Pineapple 

Schaut sie Euch genau an. Diese Ananas liegt seit mindestens 10 Tagen völlig regungslos an exakt der selben Stelle. Als ich an meinem ersten Arbeitstag das Fahrrad auf den Hinterhof unseres Bürogebäudes schob, bemerkte ich sie zum ersten Mal. Etwas schüchtern sah sie aus. Vielleicht wollte sie auch einfach nur ihre Ruhe haben. Ich ließ sie gewähren, verabschiedete mich nickend und betrat MAG Interactive (die neue Firma.)

Seit diesem Montag verharrt die Anananas stoisch. Ich stelle mir vor, wie sie sich heimlich suhlt, wenn niemand schaut. Manchmal juckt ihr ein Körperteil. Sie ärgert sich, denn es fehlen die Hände zum Kratzen. Tag für Tag hält sie die Stellung. Ich grüße sie morgens und am Nachmittag vor dem Heimweg. Sie ist nicht nur die dienstälteste Ananas unserer Firma. Sie hat mehr Erfahrung mit meinen Kollegen.Morgen werde ich sie fragen, ob sie mein Mentor sein möchte. Man könnte auch mal zusammen ins Kino. Wenn sie mag. Und sich mal von der Arbeit losreißen kann.

Tja Leute, im Grunde wollte ich Euch nur von der Ananas erzählen und mal einen Blick auf die heiligen Hallen gewähren, in denen ich momentan eifrig an der Perfektionierung meines Hochstaplersyndroms zimmere. Wir sitzen im zweiten Stock. Die Möwe ist etwas launisch, arbeitet zum Glück jedoch nur drei Tage die Woche.

Ich komme heute irgendwie nicht von der Albernheit los. Sorry dafür. Am Vormittag durfte ich eine Game Developer Konferenz besuchen. Die fand nur 800 Meter vom Büro entfernt statt. So konnte man getrost zwei Vorträgen lauschen. Beide sehr sehenswert, inspirierend und teilweise deprimierend. So viel Großartigkeit da draußen. Das zieht einen etwas runter.

Gehoben wird die Laune heute allerdings durch eine eigentlich ziemlich dröge Geschichte. Ich erhielt vorhin per Mail die Bestätigung, dass mein englisches Bankkonto bewilligt ist. Endlich ein großer Schritt in Richtung Normalität. Konto bedeutet, Verträge abschließen können. Internet! Online-Versandhäuser, Konzertkarten. Und auch Cash gibt’s bald aus dem Automaten ohne Sorge um horende Gebühren. Fetzt das nicht? Das fetzt!

Internet wurde gleich beantragt. Der Installatorrero hat in genau zwei Wochen für mich Zeit. Ich zähle die Tage, bis ich endlich wieder Musik streamen und Serien futtern darf. Und Battlefield! Das Leben ohne Netz ist so schrecklich friedlich. Ich meine, seht es Euch an! Da geht man spazieren, hat zu viel Zeit, biegt falsch ab und landet mitten im Wald. Gibt es zum Glück auch wieder in England. Flugzeugträger und Uboote bauen sich so schlecht mit Holz. Da kann sich der Forst endlich Urlaub gönnen. (Seit wasweißichvievielen Jahrzehnten.)

So, fertig. Abwischen! Nacht!

 Angepisst! 

Ich wurde gestern angepisst! So richtig mit Urin und dem dazugehörigen Entsetzen meinerseits.Schlimmer noch – Es tat sogar ziemlich weh. Brannte höllisch, um genau zu sein! Das Arschloch kroch mir irgendwie aufs Knie, während ich Lucy mit Wasser versorgte. Britische Ameisen kennen keine Freundlichkeit. Bist Du in ihrem Revier, gibt‘s auf die Fresse. Oder eben aufs Knie.

Du meine Güte, wie die Zeit rast! Der letzte Eintrag ist schon gute anderthalb Wochen her. Ach, was war das alles aufregend damals! Ich sage „damals“, da es mir wie eine Ewigkeit vorkommt. Eigentlich gar nicht so viel passiert. Aber dann doch genug, mich vom Schreiben abzuhalten. Zum Beispiel meldete sich Murphy‘s Law direkt am Folgetag mit einer Verlängerung zurück. Mein Krempel traf erfreulicherweise schon zum gegen Mittag ein. Abladen wollte ich mit dem Fahrer zusammen. Keine weitere Hilfe, dafür 200 Kröten weniger auf der Rechnung. Er, ein sympathischer Rumäne mit bestenfalls rudimentären Englischkenntnissen, wollte erstmal die Kohle sehen.

900 Euro. Cash!
Wie bitte? 900? Cash!?
Yes! Cash!
Euro?
Yes, Euro!
Wotsefack!!! (Nicht wirklich gesagt.)

Ich hatte noch knappe 3,75 in der Tasche. Was sollte ich hier mit Euro? Und warum wusste ich nichts von der Abmachung, den Rest der Rechnung noch vorm Abladen direkt auf die Kralle zu zahlen? Ich rief den Chef an. Er würde das Missverständnis sicher schnell aus dem Weg räumen. Mit diesem Typen hatte ich schließlich den Vertrag geschlossen und im Vorfeld bereits viel telefoniert.Ihr könnt Euch sicher denken, dass es sich um deren Ernst handelte. Der Fahrer brauchte die Kohle um direkt weiter durch Europa zu tingeln um andere Sachen ein und auszuladen, 900 Euro in Bar zu kassieren und so weiter und sofort.

900 Euro, sofort! Hatte er wohl auch irgendwo in einer Mail so geschrieben. Pffft!Zum Glück war der Typ extrem cool. Ich überredete ihn, so viel Pfund abzuheben, wie der Automat hergibt und den Rest -Ich rechnete mit einem täglichen Auszahlungsmaximum unter 900 Euro – sofort zu überweisen.Jetzt musste nur noch der Fahrer informiert werden. Der Typ am Telefon rief einen anderen Typen an einem anderen Telefon an, welcher wiederum dem Fahrer den Sachverhalt erklären würde.Wir warteten. Einer nervöser als der andere. Ich wollte den Spuk endlich hinter mir lassen. Er wollte nicht irgendwo in einem fremden Land ohne Geld und Benzin gestrandet sein. Arme Sau!

Die Erleichterung war groß, als das finale OK ertönte. Nun ging‘s Schlag auf Schlag. 400 Pfund abgehoben, Kisten runter vom Wagen, rein in die Bude. Auspacken, einrichten, mehrere Tage rumräumen, den Rest der Woche erschöpft implodieren.Statt mich gierig nach Eindrücken durch die Stadt zu leben, bevorzugte ich leichte Erkundungsspaziergänge. Schritt für Schritt. Tag für Tag.

Plötzlich war Montag. Erster Arbeitstag. Und ich war kein Stück nervös. Das ist ungewöhnlich. Normalerweise wäre ich vor Aufregung längst vom Angstschweiß-Talg-Film überzogen durchs Büro geglipscht. Nach dieser Woche hingegen schien mir das Bisschen Händeschütteln und Doppelklicken geradewegs erholend. Die neuen Kollegen gaben außerdem keinen Anlass zu falscher Panik. Ich möchte nicht vom Engländer an sich sprechen. Doch zumindest in meiner Firma wird eine sichtlich ruhigere Kugel geschoben, als ich sie in Berlin kenne.

Der Job zum Beispiel ist auf den klassichen 9-to-5-Arbeitstag angelegt. Vor Neun triffst Du dort praktisch niemanden. Und Punkt 17 Uhr stürmt das Büro kollektiv gen Freiheit. Keine Sekunde länger als 8 Stunden!
Keine Mittagspause? Doch! Eine Stunde. Die reine Arbeitszeit dürft Ihr Euch jetzt selbst ausrechnen. Ich jedenfalls genoss eine ziemlich entspannte erste Woche. Die größte „Belastung“ war vielleicht das Fehlen einer konkreten Arbeitszuteilung. Man hat nicht gelogen, als im Vorstellungsgespräch die Abwesenheit von Hierarchie angepriesen wurde. Woran ich in dem Moment natürlich nicht dachte, war mein zukünftiges Ich, das zwei Tage lang hilflos den Rechner „zerbrowst“, ehe es das selbstständige Aufgabensuchen begreift. Aber gut, für Euch ist das sicher weniger interessant.

Was gab es noch? Supermärkte. Käse. Ein erstes Feierabendbierchen mit den Kollegen. Ceiran, mein schottischer Kollege ist der Mieter eines Hauses, welches dem Drummer von Bush gehört.Im Vertrag steht geschrieben, dass das Schlafzimmerbett nicht entsorgt werden darf.
Mir läuft es klebrig den Rücken runter, versuche ich mir vorzustellen, welche Erinnerungen ein 90s Rock Star dort mumifizieren möchte.

Und sonst? Nach Feierabend noch weiter am letzten Freelance Projekt gearbeitet oder in Wohnung und Garten gewerkelt. Trotzdem relativ früh ins Bett. Bin für den Rest des Monats eh zu pleite, hier gleich alles völlig auf den Putz zu kloppen.

Gestern war ich mit Lucy erstmals auf Erkundungstour im Umland. Erst nach Saltdean, östlich von Brighton, direkt an der Küste. Dort ging es natürlich ins Wasser. Lucy traut den Wellen nicht, wird aber bei jedem Strandbesuch mutiger. Am Strand entlang sprinten geht aber immer!

Von Saltdean aus ging es 25 Minuten auf der Steilküste entlang nach Rottingdean. Mir ist ein Rätsel, warum Menschen unten am Strand über Betonplatten laufen, wenn man am Rande des Kliffs einen echten kleinen Wanderpfad genießen kann.

Ab Rottingdean liefen wir nach Norden ins Landesinnere durch Ovingdean. Ein verträumtes kleines Örtchen bewohnt von teuren Autos, Sichtschutzhecken und Villendächern. Direkt dahinter der Pfad zum Tagesziel Woodingdean. Herrlich idyllischer Weg inmitten von Weidehügeln.

Richtung Süden freier Blick aufs Meer. Die Sonne prügelte und Trinkpausen waren unerlässlich. Besonders die letzte sollte in Erinnerung bleiben!Verfickte fremdenfeindliche Ameise! Bei Gelegenheit recherchiere ich ihre Rasse, damit ich in Zukunft bei der richtigen Ameisen-Brut verallgemeinern und diskriminieren kann.

So! Wer ‚So‘ sagt, hat nichts mehr zu erzählen. Oder einfach keine Lust mehr! Allein der Ausflug hätte einen Eintrag füllen können. Ich hoffe, Ihr entschuldigt das Durchrattern. Wie immer gelobe ich Besserung! Öfter schreiben! Schöner und spannender! Ganz bestimmt! Gute Nacht, Hasis!