Kleines Donnerstagswunder 


Thomas fühlt sich verklebt. Für einen Donnerstag im Büro ist ihm die Sonne entschieden zu weit auf den Pelz gerückt. Trotz geöffnetem Fenster neigt sich sein Sauerstoffvorrat dem Ende. Er versucht, nicht in Panik zu geraten. “So schlimm ist das gar nicht mit der fehlenden Atemluft. Und überhaupt ist Lungenfunktion total überbewertet!” Der schnaufende Thomas sollte sich beruhigen. Er beschließt, sich an einen Strand zu träumen. “Das hilft bestimmt.”, denkt er und schließt die verkrusteten Äuglein.

Nach Sekunden der Ladezeit befindet er sich bereits mitten in seiner Urlaubs-Fantasie. Alles stimmt. Das Meer, die Temperatur, milder Wind, gepflegte Nudistinnen beim Planschen, hawaiianische Gitarren und er mitten drin. Im Wasser treibend greift er nach seiner schwimmenden Kühlbox. Er greift ins Leere. Thomas kneift die Augen fester zusammen. Ein zweiter Griff. Wieder nix. “Kacke, hier fehlt was!”, stellt er fest. Ihm fehlt eine köstliche Flasche seines koffeinhaltigen Erfrischungsgetränks auf Mate-Basis. Ohne sie bekommt er den Strand nicht in seinen Kopf. Ohne sie wollen die Nudistinnen einfach nicht nackt sein.

Da bedarf es keiner weiteren Überlegung. Zurück in der angezogenen Realität schwingt er seinen trägen Arsch zum nächsten Supermarkt. Dort nimmt er ohne Umwege die direkte Route zum Getränkereich. Er will sich beeilen, denn das Getränk muss schnell im Kühlschrank auf Traumzustand gekühlt werden. “Rein, kaufen, raus. Rein, kaufen, raus.”, wiederholt er innerlich brummend. “Rein, kaufen, raus.” Buddhistischer Singsang. “Rein, kaufen, hää?!”

Vor ihm klafft ein unbefülltes Regal. Vom Getränk der Begierde keine Spur. Hektisch schaut er sich um. Er bemerkt sofort die vielen Getränkekisten, welche sich ungeordnet in der Gegend auftürmen. Mit detektivischer Kombinationsgabe ist ihm sofort klar, dass heute eine neue Getränke-
lieferung eingetroffen sein muss. Es besteht noch Hoffnung! Er muss nur ins Lager einbrechen, den Wachmann kalt stellen, Alarm und Kamera deaktivieren, den Totenkopfschlüssel ergattern, über die Schlucht des sichelförmigen Mondes und rein ins Flaschenparadies.

“Albern!”, denkt er und fragt lieber die freundliche Angestellte. Sie entgegnet, er solle mal im Lager fragen, geht dann aber doch selbst. Thomas folgt artig wie ein Schatten. Sie verschwindet im Sperrbereich. Thomas wartet brav. Sekunden später erscheint sie mit hängenden Mundwinkeln. “Kommt leider erst morgen!”, zerschmettert es Thomas’ Sommermärchen. Er geht zu Boden. Nicht sichtbar, sondern in seinem Kopf. Was sollen nur die Nudistinnen ohne ihn tun? Ernüchtert möchte er seine letzte Reise in den staubigen Tod antreten, als die freundliche Angestellte aus der Ferne ruft: “Warten se mal, junger Mann!”

Thomas wartet und die gute Frau erscheint mit einer Flasche in der Hand. “Ich hab hier noch eine jefunden. Die hatte sich wohl versteckt!” Thomas entdeckt den heiligen Gral. Er glitzert im künstlichen Tageslicht der Supermarkt-Beleuchtung, formschön, mit vertrautem Etikett. Unzählige Wasserperlen erzählen von der bevorstehenden Erfrischung. Das Getränk ist bereits auf Optimum temperiert. Wie ein gieriges Äffchen greift der Abenteurer nach seiner Flasche, und die freundliche Angestellte schmunzelt. Schnell zur Kasse und dann rein in die perfekte Fantasie! Thomas muss sich sputen, denn die Nudistinnen haben noch Termine. Bei diesem Wetter wollen sie in vielen Köpfen auftauchen.

2 Gedanken zu “Kleines Donnerstagswunder

    1. Thomas Post author

      Wer spricht, Kaspar?
      …die Überwachungstools zeigen mit dicken roten Pfeilen auf Greifswald.

Gib hier reichlich Senf dazu!

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