Der kleine Navigator-Proll 

Das Verhältnis zu unseren Mobiltelefonen ist Jahre nach Abschaffung der Kindersarg-Größe noch immer ein recht eigenes. Ich möchte gar nicht zu sehr darauf eingehen, doch ist Euch mal aufgefallen, wie sich der Handy-Spott gewandelt hat? Früher musste man beinahe peinlich berührt das Gerät im Geheimen nutzen, um nicht als ‘Handy-Proll’ gebrandmarkt zu werden. Heute hingegen lächelt das Volk abfällig, wenn man ein Telefon-Brikett sein Eigen nennt.

Bei genauerer Überlegung, wird man eigentlich immer belächelt. Ist das Teil zu alt, grinsen alle, weil man rückständig wirkt. Ist es zu neu, gilt man als technikbesessener Trekkie.
Schutz bietet nur eins: Ein Spagat zwischen Funktion und Understatement! Mittelalt muss es also sein, oder neu mit Gebrauchsspuren. Und bloß nicht alle Funktionen nutzen!

Michael Douglas mit altem Handy

Bei aller Überlegung habe ich mich längst mit meiner Rolle abgefunden. Ich stehe auf Technik, auch wenn mir zum Glück die Kohle für dramatischere Investitionen fehlt. Zu spielen gibt es trotzdem genug. Zum Beispiel mein Nokia 5800, was ich bei Mobilfunk-Vertragsverlängerung für einen Euro ergaunerte. Das Gerät macht mit Internet und Fummel-Screen nach Monaten der Nutzung noch immer reichlich Spaß. Die Perle im Inneren blieb mir bis gestern jedoch versagt.

Auch wenn es gruselig ist – Die Vorstellung, via GPS eine Direktverbindung ins All zu haben, bereitet mir feuchte Träume. Doof nur, dass das miese Telefon nie Kontakt herstellen wollte. Als ich nun gestern nach Kauf eines neuen Datenkabels (Das alte ist mir entkommen.) mal nach unnützen Spielereien fürs Telefon suchte, erinnerte ich mich an eine mittelalte Nachricht. Demnach habe Nokia seine Karten- und Navigationsdienste für Kunden ab sofort kostenlos im Angebot.

Was soll ich sagen? Ein Firmware-Update später starrte ich gebannt auf die Benutzeroberfläche meines neuen Hosentaschennavigators. GPS funktioniert, mein Na’Vi weist gewissenhaft seinen Weg durch den urbanen Dschungel Pandoras Berlins. Dazu gesellt sich eine beängstigende Ladung an Informationen. Ich kann mir jetzt jederzeit überall ALLES anzeigen lassen. Nächster Club? Da hinten! Bester Späti? Da nicht hin, weil das Bier 20 Cent mehr kostet! Geil aber gruselig! Wetter über Hausnummer 17? 30 Grad im Schatten. Die Sonne brennt. Perfekter Sitz. Drei Wetter Taft!
Es ist schön, einen weiteren Aspekt der Selbstbestimmung aufzugeben. Ich suche nie mehr, ich lasse mich schicken. Mein Telefon sagt mir, wo ich hin soll, und wie ich dort hingelange. Es bestimmt, wo Pinkelpause gemacht wird und ob ich mir abends noch die Zähne putzen soll, bevor ich betäubt und glücklich in den Schlaf vibriert werde.

Und wenn schließlich die Weltordnung zusammenbricht, ich die Zeit nicht am Sonnenlauf bestimmen kann, mein Essen in freier Wildbahn von niemandem serviert wird, mir kein mobiles Internet verrät, ob ich einen Sprung aus 40 Metern Höhe überlebe, und ich statt selbstständiger Navigation panisch im Kreis renne wie ein geköpftes Hühnchen, verkrieche ich mich in Embryonalstellung unter dem nächsten Umzugskarton (Die wird es immer geben.) und spiele so lange Tetris, bis auch der letzte Energiebalken erloschen ist.

Gib hier reichlich Senf dazu!

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