Gefangenschaft auf Balkonien 


Mein Geschreibsel beginnt direkt mit einem Klischee, das ich nicht erfüllen kann. Aus den Lautsprechern quillt mir Journeys „Separate Ways“ entgegen und aktiviert in meiner Vorstellung typische 80er-Jahre Filmbilder, in denen der Protagonist mit fetziger Musik untermalt für seinen finalen Kampf trainiert. Dieser Protagonist bin natürlich ich. Hier bleibe ich allerdings sofort hinter den Erwartungen zurück. Kein Strand zum Entlangrennen, keine Stufen zum Erstürmen, keine Holzstämme, die durch den Winterwald geschleppt werden wollen. Genau genommen sitze ich nur rum, pumpe mich mit Kaffee voll und sinniere mir imaginäre Trainingserfolge herbei. Schafft man es nicht, einen guten Teil seines Tages in autistischer Tagträumerei zu verbringen, kann so ein einsamer Urlaub echt zum Problem verkommen.

Dabei sollte ursprünglich alles anders ablaufen: Zwei Wochen frei, eine davon mit Freunden nach Tschechien. Nachdem diverse Faktoren das Vorhaben unter mehreren Schaufeln Friedhofserde begruben, musste ein Alternativplan her. Mir fiel sofort der Berlin-Usedom-Radweg ein. Der bräuchte zwar nur ein paar Tage, aber wenigstens würde eine gewisse Urlaubsatmosphäre herrschen und ich käme mal wieder raus aus Berlin.

Wie naiv von mir! Ich rechnete nicht mit der Eifersucht meiner Hauptstadt. Sie würde mich nicht einfach gehen lassen. Ahnungslos radelte ich durch den späten Sonnabend, als mir Berlin eine Tram-Schiene vor die Räder schmiss. Was ich Arschloch so oft halb-schmunzelnd beobachtete, passierte endlich mir. Ich überschlug mich fürstlich. Man sagt, das Glück sei mit den Betrunkenen und den Idioten. Ich hatte nicht getrunken. Trotzdem entging ich abgesehen vom Spott einiger Beobachter, ernsteren Verletzungen. Der folgende Sonntag im Krankenhaus sollte mir aber zumindest den Spaß versauen. Nix gebrochen, nur die scheiß linke Hand geprellt. Hey, halb so wild! Wozu braucht man schon diese gewucherte Spiegelung der rechten Hand? Schnell stellte sich heraus, dass das Ding zu so ziemlich jeder Tätigkeit erforderlich ist, die mit dem echten Leben jenseits der Arbeit am Rechner zu tun hat. Dinge anheben, Bierflaschen öffnen, Zelte aufbauen, Bären erwürgen und natürlich Radfahren.

Ich glaube, Ihr seht, worauf ich hinaus will. Mit meiner Temporärverkrüppelung sitze ich fest! Welche Aktivitäten bleiben mir denn noch, wenn ich Camping, Radfahren, finanzintensive Tätigkeiten und all die arbeitenden Freunde aus meinen Urlaubsplänen streiche? Oh fröhliche Einzelhaft in der größten Zelle Deutschlands! Ich denke, ich werde mal wieder spazieren gehen. Vielleicht haben sie ja den einen oder anderen Stadtteil neu gebaut. Vielleicht kann ich mich sogar irgendwo zum Schreiben motivieren. Vielleicht auch nicht. Ich wäre jedenfalls dankbar für jeglichen Hinweis zur kostengünstigen Tagesgestaltung.

Gib hier reichlich Senf dazu!

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