Hallo, Post! 

Dreizehn nach Zwölf. Im Wohnzimmer um die Ecke wird eine Verkaufsinformationssendung von Oliver Geissen unterbrochen. Renate Brunowski, Inhaberin dieses Wohnzimmers und aktive Verkaufsinformationssendungsliebhaberin ist sichtlich empört. Erbost über die unschöne Störung ihrer geschäftlichen Tätigkeit presst sie mit aller Kraft einen glimmenden Stumpen in den Aschenbecher. Das bootsförmige Schälchen ächtzt unter ihrer Gewalt. Renate wirft einen gepfefferten Blick auf die semi-schicke Standuhr. Noch immer 13:12 Uhr. “Das Darf ja wohl nicht wahr sein!” Schnaufend erhebt sich die korpulente Frau, und der vergilbte Sessel unter ihr atmet tief durch.
Ihre Kippen liegen auf dem Fensterbrett. Sie vergisst sie dort jedes Mal. Und jedes mal muss sie den verfluchten Weg zum Zimmerende rennen! “Ach, Mist!”, raunt sie mit langem “a” und extra großem Ausrufezeichen. Nun hat sie sich wirklich eine Fluppe verdient!
Ihre Finger huschen geübt über den Feuerstein, doch das Feuerzeug versagt seinen Dienst.
“Sach ma…” Sie kann ihren Gedanken nicht zu Ende bringen, denn schrilles Türklingeln reißt sie plötzlich aus dem Konzept.
Auch das noch! Wer will denn jetzt schon wieder was?
“Ja?!”, grunzt Renate dem unbekannten Aggressor entgegen.
“Die Po-host!”, schellt es glockenklar zurück.
Post? Das könnte der Ab-Flex-Gürtel sein! Den hatte Renate vor vier Tagen bestellt. Mit 54,90 € ein Schnäppchen, wie sie findet.
Der kleine Postbote erschrickt, als sich Renates breiter Kiefer aus der frischen Türspalte schiebt.
“Hallo Sie!”, versucht er das Eis in ihrem Gesicht zu brechen. “Sie haben…”
Renate fällt ihm ins Wort: “Post?!”
Der Bote strahlt aufgeregt, als wäre es seine erste Zustellung überhaupt. “Genau, Sie haben Post!” Renate zeigt sich immun gegen freundliche Mimik. “Von Ab-Flex?”, schnauzt sie. Der Postmann zeigt sich immun gegen unfreundliche Mimik.
“Nein, von ihrem Mann, dem Peter!” Der breite Kiefer im Türspalt entgleist. “Wat? Wie?! Woher wissen sie das?”
“Er kommt nicht mehr zurück!”, antwortet das strahlende Männchen, als hätte Renate danach gefragt.
“Woher?!…Sagen sie mal!”
“Ach ja, und Waldi hat er auch mitgenommen!”
“Wie kommen sie denn darauf?!” Renate scheint verunsichert.
“Na hier…steht doch alles im Brief!”
Im Wohnzimmer trägt Oliver Geissen seinen Schlussplädoyer vor. Renates Gesicht verwandelt sich in einen knallroten Ballon. “Sie können doch nicht fremder Leute Briefe öffnen!”
“Aber Frau Brunowski, Ihr Name steht doch auf dem Brief!”
“Sie haben sie wohl nich mehr alle!”
“Und auf dem Klingelschild, Frau Brunowski.”, fährt der gut gelaunte Herr freundlich fort.
“Ach ja, und dann war da noch der Brief vom Vermieter. Sie haben die Wohnung bis zum Vierzehnten zu räumen.”
Renate kann nicht glauben, was in ihrem eigenen Treppenhaus, an ihrer eigenen Wohnungstür vor sich geht. “Sie sind ja wohl verrückt!”
“Auu-ha! der Vierzehnte ist ja schon in acht Tagen! Da müssen Sie sich ja ganz schön ran halten, ‘ne neue Wohnung zu finden, Renate!”
“Mir reicht’s! So eine Unverschämtheit! Ich rufe die Polizei!”
“Ich darf Sie doch Renate nennen? Jetzt, wo ich sogar Ihr Klingelschild kenne?”
“Bist Du denn total bescheuert?!”, platzt es aus dem auf Heißluftballon-Größe geschwollenen Frauen-Kopf.
“Hast Du denn wenigstens schon das Wichtigste gepackt!? Ich darf doch duzen? Oder, Renate?”
Renate kocht! Ihre kurzen Finger ballen kleine Fäustchen! “So eine verfluchte Sauerei.”, denkt sie sich. Das ist ja noch unverschämter, als die Sache mit dem Parkplatz.
So ein fieser Drecksack hatte ihr vor einer Woche den Parkplatz weggeschnappt. Und das nur, weil sie sich schnell noch ein kleines Zigarrettchen anzünden wollte. Dem Typen hatte sie’s dann so richtig ordentlich gezeigt. Drei Zähne und ein Rücklicht büßte er ein. Sie war sich sicher:
“Der wird sowas kein zweites Mal wagen!”
Der freundliche Postbote lächelt indessen ungetrübt.
Immer breiter legt sich das Rot über Renates Antlitz. Sie glüht heißer, als es je eine Zigarette in ihrer Hand vermochte. Ihre Fäustchen mögen winzig sein, doch wie bei einem weißen Zwerg ruht in ihnen eine unvorstellbare Kraft.
Frau Brunowski reißt die Tür aus ihren Angeln. Man mag sie nicht Renate nennen, so wie sie sich vorm noch immer unschuldig guckenden Postmännlein auftürmt.
Es ist ein Anblick wie aus der Bibel. David und Goliath, Queen Kong und der Ameisenmann!
Der unbeeindruckte Bote greift in sein löwenzahngelbes Täschchen.
“Ach Renate, ich mache doch nur Spaß!” Er kramt, doch kann nicht sofort finden, wonach er sucht.
Renate, die unterdessen wieder menschliche Gestalt annimmt, glaubt nun an einen schlechten Scherz? Das konnte nur auf Peters Mist gewachsen sein!
“Ah, hier ist er!”, gluckst der Mann von der Post schließlich, und streckt Renate einen grünen Umschlag entgegen.
Das Rot ihrer Miene weicht einem Ausdruck der Zerknirschung. “Das fiese Schwein soll sich mal nach Hause wagen”, brummt Renate in ihren Damenbart.
“He, Nicht schmollen!”, muntert der Postmann sie auf.
“Du musst Dich gar nicht mehr beeilen mit der Wohnungssuche. Herr Doktor Lützwald von der Staatsanwaltschaft schreibt, du sollst Dich noch diesen Freitag vor Gericht einfinden. Es geht um den Typen vom Parkplatz!”
Renate verliert jeden Ausdruck. Wortlos, ja beinahe apathisch wirkend hängt sie das Türblatt wieder ein.
“…hier steht noch was von mindestens sieben Jahren. Auu-ha!”
Sie schließt die Tür hinter sich und schiebt sich zurück in den knarrenden Sessel.
Eine neue Zigarette entzündend widmet sie sich weiter ihren Verkaufssendungen. Ein neuer Ab-Flex-Gürtel wird angeboten. Nur 65,90 €! Ein Schnäppchen, wie Renate findet.

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