Berlin lahmt 

Die Stadt kocht und stinkt seit dem frühen Vormittag. Aus imaginären Boxen krächzt begleitend “Summer in the City” von den Lovin’ Spoonfuls. Ein schönes Klischee. Albern, unoriginell aber eben passend!
Ich denke an das schreckliche Cover von Joe Cocker amüsiere mich anschließend über seinen Nachnamen. Kindisch, aber viel mehr gibt’s in dieser Stadt momentan nicht zu lachen. Okay, für mich schon. Ich bin weltfremd genug. Der Berliner sieht das aber möglicherweise anders. Ich muss heute weder BZ noch Bild gelesen haben, um vermuten zu können, dass die Ausfälle der S-Bahn dort für saftige Empörungsartikel sorgen. Immerhin hat das Problem der zu lange nicht gewarteten Züge selbst die Süddeutsche erreicht.

Ja, scheinbar muss immer erst ein Zug entgleisen, bevor was passiert. Und wenn dann endlich was passiert, klappt auch wieder nix. Die Leute können es scheinbar nur falsch machen!
Falsch heißt in diesem Fall: Die Hälfte der Züge liegt lahm. Nichts fährt mehr. Indische Zustände.

Ich achte schon während meiner Radwege auf Lastwagen, die mit gigantischen Kugelgeflechten aus menschlichen Leibern durch die Weltgeschichte knattern. Auch Zweiräder beladen mit Hühnern, Schweinen und Hirschfamilien lassen sicher nicht mehr lange auf sich warten.
Heute hieß es im Radio, die Bahn würde Dank nochmals verschärfter Sicherheitsauflagen den S-Bahn-Betrieb noch stärker einschränken. Also sind Berlins Lebensadern tatsächlich bald ausgetrocknet.

Wäre das Auto nicht erfunden, könnte man sich drüber freuen. Menschen kämen gar auf die Idee, sich mal wieder zu bewegen. Sie würden ihr eingestaubtes Rad im Keller entdecken. Daneben das Rad des übergewichtigen Sohnes Kevin, der eh nur noch Playstation zockt und frisst. Sie würden es mal wieder probieren. Und wer weiß, vielleicht würde das Bewegen gefallen. Vielleicht sogar so sehr, dass sie am Wochenende beschließen, eine Radtour zu unternehmen. Vielleicht würden sie dabei miteinander reden. Und Kevin würde erstaunt feststellen, dass sich echte Geschwindigkeit besseranfühlt, als Formel 1 auf Flachbild. Man muss sich das mal vorstellen. Es gäbe Familienzeit und Sport…
Moment mal. Das klingt beinahe nach der sozialistischen Idealfamilie. Wittere ich gar eine Verschwörung kommunistischer Kräfte? Haltet Die Augen auf! Und fahrt um des Kapitalismus Willen einzeln in Euren Autos durch die Stadt. Verbraucht Benzin! Nutzt die Chance und unterstützt die Öl-Industrie! Tut es, sonst haben die Roten gewonnen!

Gib hier reichlich Senf dazu!

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