Stamm(hirn)kneipe 

In der Kneipe in meinem Kopf ist es kurzvor Feierabend. Die Barhocker sind hochgestellt und Hilmar putztbereits gewissenhaft seinen Tresen. Er ist müde, doch ein einzelner Kunde hindert ihn noch an seiner verdienten Ruhe. Sein Name: Thomas.

T: Ey Hilmar, machste mir noch eins?

H: Was? Hast Du noch nicht genug vondem Zeug?

T: Nee, gib mal noch ‘n Großes, bitte!

Hilmar kippt nach.

T: Hilmar?

H: Ja?

T: Glaubst Du, man kann sich zur Produktivität zwingen?

H: Klar!

T: Ich meine nicht so ‘ne chinesische Turnschuh-Näh-Produktivität…sondern eher Produktivität als Künstler. Lässt sich Kunst durch die Gegend produzieren, wie Fritten inner Pommesbude?

H: Hm…manche können das.

T: Aber wie kann man denn etwas, das aus Überzeugung entstehen soll, im Zwang erschaffen?

H: Manche zwingen sich halt nicht.

T: Weil sie automatisch produktiv sind, ja. Mir geht’s doch jetzt aber um die, die es nicht können.

H: Was, Kunst?

T: Nein, sich zwingen!

H: Trink Dein Bier!

T: Also wenn er nicht sonderlich produktiv ist beim Malen, Schreiben oder was auch immer der Künstler tut…sollte er sich zwingen? Und kann das überhaupt funktionieren?

H: Disziplin kann da schon helfen!

T: Aber der Leistungsdruck verfälscht doch Ergebnisse!

H: Quatsch, wieso denn?

T: Na weil…ähm…wegen.

H: Ich höre?

T: Na weil er sich eben gezwungen hat.Und in dem Augenblick ist seine Arbeit nicht mehr aufrichtig.

H: Klar ist sie das. Ihm hält doch niemand eine Knarre an den Kopf. Er weiß doch vorher, was er sagen will.

T: Und wenn er es nicht weiß? Es gibt ja auch Menschen, die am Anfang eines Projektes noch nicht wissen,was dabei raus kommt.

H: Das sind keine Künstler. Kunster füllt einen Zweck. Pinselt einer einfach drauf los, ist das Ergebnis unter Umständen zwar schön, hat dann aber nischt mit Kunst zu tun.

T: Kunst ist keine Kunst, wenn sie nur schön ist?

H: Genau. Das darfst Du höchstens Können nennen!

T: Ich dachte, Kunst kommt von Können.

H: Wer erzählt denn sowas?

T: Keine Ahnung. Sagt man doch so.

H: Man? Ich sag sowas nicht!

T: Du zählst nicht!

H: Wieso?

T: Du bist eigenartig und hast ‘ne komische Kneipe, in der merkwürdige Typen rumhängen.

H: Typen wie Du?

T: Zum Beispiel! Willst ‘n Schnaps?

H: Willst Du mir meinen eigenen Schnaps spendieren?

T: Äh, ja. Mach mal zwei fertig.

H: Gut, ist ja Dein Geld.

T: Apropos, kann ich anschreiben?

H: Ich wusste es!

T: Also Kunst darf sich nur so nennen, wenn sie ‘ne Botschaft hat.

H: Jap!

T: Vielleicht entsteht die ja auch erst “unterwegs”. Man beginnt mit ‘nem Punkt. Daraus wird ein Auge,drumrum erscheint ein Gesicht und ehe es einer bemerkt haste ‘ne Szene aus der französischen Revolution.

H: Gut möglich!

T: Dann widersprichst Du dir!

H: Hier, das geht aufs Haus! Kennst Du keine normalen Themen?

T: Sieht nicht so aus.

H: Frauengeschichten?

T: „Normale“ Frauengeschichten? Die müssen ja wohl erstmal erfunden werden!

H: Stimmt auch wieder. Aber sag mal,wie kommst Du überhaupt auf den ganzen Produktivitäts-Kunst-Kram?

T: Ich hab Motivationsprobleme. Kann mich seit Monaten nicht wirklich zum Schreiben aufraffen. Immer nur kurz und immer irgendwie ungeplant.

H: Dann lass es doch!

T: Also nicht zwingen?

H: Doch, wäre schon besser!

T: Wie jetzt? Ich denke, ich soll’s lassen?!

H: Spielt es eine Rolle, was Dein Kneiper sagt? Wenn ich Dir rate, es zu tun, wirst Du dann plötzlich wie ein Besessener deine Finger blutig tippen?

T: Keine Ahnung. Einen Versuch wär’s wert!

H: Morgen erzählst Du deinem Friseur die selbe Geschichte, der rät Dir,dich ja nicht unter Druck zu setzen. Schon konkurrieren zwei grundverschiedene Meinungen.

T: Quatsch! Du bist der, der mich mit Schnaps versorgt. Natürlich hör ich auf Dich!

H: Und wenn ich falsch liege? Hast Du keinen eigenen Willen?

T: Sicher…irgendwo.

H: Wenn Du so durchs Leben ziehst, macht bald jeder mit Dir, was er will.

T: Da ist was dran. Vielleicht sollte ich aus Prinzip genau das Gegenteil von dem tun, was die Leute mir raten!

H: Vielleicht. Wird allerdings schwierig bei unterschiedlichen Ratschlägen!

T: Da such ich mir halt den raus, der mir am besten gefällt, und tue dann das Gegenteil!

H: Mach das!

T: Ha, könnte Dir so passen! Ich werd’s nicht machen!

H: Dann lässt Du es halt!

T: Ha, ich mach’s!

H: Du bist echt nicht ganz dicht, weißt Du das?

T: Muss ich’s denn wissen?

H: Oh Mann! Hier, trink das!

T: Cool, danke!

H: Wieso hast Du jetzt einfach mitgemacht?

T: Weil ich mir keinen Gratis-Schnaps entgehen lasse.

H: Der war nicht gratis! Ist schon mit aufgeschrieben.

T: Mist!

Gib hier reichlich Senf dazu!

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