Und der Abendstern stand hoch. 

Es war schon wieder so weit! Der zuckersüße Duft von Erbrochenem senkte sich über die weihnachtliche Stadt hernieder. Die Feiertage ließen noch auf sich warten, doch ihr Anlass wurde einem bereits dezent in die Visage gezimmert. Der fette Zausel würde bald erscheinen und uns mit neuen Socken oder geschmackvollen Schals strangulieren.
Wie alle Jahre wieder begann für mich deshalb die Zeit der unerträglichen Vorfreude.
Wann gäbe es endlich die verdienten fünfzig Kilo Gänsebraten?
Und wann würde das neue Paar Unterbuxen endlich meinen von Braten gespannten Leib umschmeicheln?
In meinem Stübchen hockend wartete ich mit starrem Blick Löcher in den Käse.
“Das kann ja wohl nicht mehr so lange dauern!”, belog ich mich.
Wir schrieben den 5.Dezember und ich war am Ende mit den Nerven.
Es hieß nun handeln, oder von der ungebremsten Vorfreude überrollt werden. Ich blätterte in der Zeitung und stieß auf Rettung. Weihnachtsmarkt, die Lösung! Nur eine mehrwöchige Festtagssimulation vor Heiligabend vermochte meiner armen Seele Erlösung zu verschaffen.
Kaum hatte ich die bordeauxrote Bommelmütze übergestülpt, saß ich auch schon in der Tram zum Alexanderplatz.
Unterwegs machte ich mir Gedanken. Was hatte Weihnachten eigentlich mit dem Christkind zu tun? War es die Konkurrenz vom Weihnachtsmann, oder nur sein Handlanger? Welche Rolle spielte Jesus in der ganzen Angelegenheit? Ich erinnerte mich, mal seinen Namen im Zusammenhang mit Weihnachten gehört zu haben. Jesus galt, soweit ich wusste, als Sohn Gottes und König der Juden. Nur wie passte er zu diesem Fest?! Ich kurbelte nun etwas an meinem linguistischen Können. Weihnachten setzte sich irgendwie zusammen aus “Wein” und “Nacht”. Die “Nacht” schien eindeutig. Sie entstammte natürlich der nicht enden wollenden Dunkelheit des Winters. Das “Wein” bereitete mir schon mehr Probleme. Beinahe hatte ich mir das Gehirn zergrübelt, als die Antwort plötzlich wie Schuppen von meinen Augen fiel.
Es passte alles zusammen! Als echter König trank Jesus natürlich jede Menge Wein! Und im Winter? Glühwein! Jesus war in den Medien sicher irgendwann mal im Zusammenhang mit Glühwein gefallen. Ich freute mich über meinen Scharfsinn und legte den Typen aus Nazareth gemeinsam mit allen restlichen Fragen zurück zu den Akten. Wichtigeres erwartete mich.
Selbst aus weiter Ferne ließ sich der Alex erkennen, denn das Festivalgelände erleuchtete den Himmel schöner, als jedes Bombardement. Je näher ich kam, desto stärker pulsierte ein fröhliches Flackern, das die Menschen wie Motten zu sich zog.
Vor Ort plante ich weiteres Vorgehen. Ich beobachtete zunächst die Besucher.
Zusammen mit einer Karte vom Gelände und dem Wissen über Strömungsrichtung und Geschwindigkeit war genau abzusehen, an welchen Attraktionen ich vorbeikommen würde. Mit dem Ergebnis zufrieden hechtete ich in die Fluten. Es ging über die Ampel, am großen Eingangsschild vorbei und durch ein Tor in den abgeschotteten Markt. Der Strom wurde stärker. Zu stark! Bald erkannte ich, dass ich mich verrechnet hatte. Mit mörderischer Geschwindigkeit trieb es mich am ersten Glühweinstand vorbei. Gerade noch rechtzeitig griff ich nach dem ersten Pott. Die Strömung riss mich an Lebkuchenherzen vorbei. Ich kämpfte mich zum Rand durch, wo die Luftdruckgewehre auf mich warteten. Laden, schießen, laden, schießen. Zielsicher erkämpfte ich dutzende Nelken. Die Munition kostete, doch in Kriegszeiten würde die Übung von Vorteil sein. Nach gewonnener Schlacht ging es zurück in die Menge und zu weiteren Highlights. Souverän absolvierte ich Kosmonautentraining und Kfz-Nahkampf-Übung. Dazwischen stärkten Glühwein und Lebkuchen den eisernen Krieger.
Gegen Mitternacht war die Zahl der Weihnachtsmarktgänger deutlich gesunken. Für mich bedeutete das mehr Platz zur Vorbereitung aufs bevorstehende Hammertraining. Ich massierte gerade meine Waden, als plötzlich der Weihnachtsmann meine Schulter striff. Er hatte sich als übelriechender Obdachloser verkleidet, der im Dreck nach Pfand grub. Ich wollte ihn rufen, doch statt meiner maskulinen Stimme brach nur Keuchen aus mir heraus. Ich sackte zusammen. Dieser Mistkerl hatte mich vergiftet!
In meiner Ohnmacht träumte ich. Ich fand mich in einer Scheune wieder. Zwischen Schafen, Kühen und Velocyraptoren saß eine Frau umringt von vier Männern. Sie hielt ein Kind im Arm und nannte es Jesus. Es war noch schleimig, da frisch zur Welt gekommen. Einer der Männer, auf seinem Namensschild stand Josef, schien wütend. Er meinte, er wäre nicht der Vater. Sie hätte ihn betrogen und er wolle die Scheidung. Sie versicherte, es gäbe keinen Anderen und sie wäre noch immer Jungfrau. Die restlichen drei Kerle standen daneben und zuckten nur mit den Schultern. Ihrer Kleidung nach zu urteilen, kamen sie von weit her. Kein Wunder, dass sie nichts verstanden!
Josef verstand sehr gut, und hatte sichtlich die Schnauze voll. “Dann isses ja sicher wohl von Gott, was?!”, schnaufte er wütend. Auf Ex kippte er seinen Krug Glühwein hinter, stürmte aus der Scheune und schmiss ihre Tür zu.
Der Knall weckte mich. Ich lag auf dem Boden und die Nacht über mir. Um mich herum kehrten Ein-Euro-Jobber lehre Plastikbecher zusammen. Unfähig aufzustehen verharrte ich noch etwas in meiner Position. Keine Ahnung, wie viel Zeit verging, bis ich mich sammeln konnte.
Ich war außer mir vor Freude, denn der Weihnachtsmann hatte mir ein ganz besonderes Geschenk beschert. Endlich begriff ich den Sinn der Feiertage!
Es ging nie um Konsum, Völlerei oder schnöde Befriedigung! Geschenke spielten so wenig eine Rolle, wie Fünfzig-Kilo-Gänsebraten!
Weihnachten war und ist das Fest der Liebe! Es ist der heißen Beziehung zwischen Gott und der Jungfrau Maria gewidmet! Wir feiern Sex ohne Verlust der Jungfräulichkeit. Wir feiern den sexuellen Akt und das Ergebnis. Wir feiern, dass Glühwein dem Geschlagenen schon immer mit starker Schulter zur Seite stand. Und wir feiern, dass sich selbst ein uneheliches Kind bis auf den Posten des Königs erheben kann.
Im Stillen dankte ich dem nach Alkohol stinkenden Zausel.
Bedächtig wankte ich heimwärts, immer in Richtung Abendstern.

Gib hier reichlich Senf dazu!

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